Mit "Das Ding im Spiegel" kommt im Juni ein nur DORIAN HUNTER Band mit Teilromanen von Christian Schwarz und Uwe Vöhl. Hier ist schon mal ein kleiner Vorgeschmack darauf.

Das Gesicht in der Spiegelfläche hatte wenig mit meinem Aussehen gemein. Bis auf die Tatsache vielleicht, dass der Kopf eine humanoide Form besaß. Darüber hinaus wirkte er absolut dämonisch. Die Haut war schrundig wie eine Raufasertapete und schneeweiß, genauso wie die Augen, die keinerlei Pupillen besaßen. Wie bei älteren Männern üblich, hatte sich der Haaransatz deutlich nach hinten verschoben und ließ Raum für eine hohe Stirn. In den Ohrläppchen steckten zwei runde Ringe, wahrscheinlich aus Eisen oder einem anderen Metall gefertigt.

Das Wesen in der Spiegelfläche öffnete den Mund. Zwei nadelspitze Schneidezähne, die dicht nebeneinander im Oberkiefer steckten, wurden sichtbar. Mehr an Gebiss gab es nicht. Dafür eine widerlich aussehende, knallrote Zunge, die sich jetzt über die Lippen schob und sich in obszöner Weise zu bewegen begann.

„Du gehörst nicht hierher“, sagte das Wesen in der Spiegelfläche.

Ich hätte gerne eine sarkastische Antwort gegeben, aber auch wenn ich bereits viel länger die Luft anhielt, als menschenmöglich sein sollte, setzte mir das Wasser doch Beschränkungen.

Statt einer Antwort schoss ein dünner Arm aus der Spiegelfläche heraus. Bevor ich in irgendeiner Weise reagieren konnte, packte mich die daran hängende Hand mit den spinnenartigen Fingern am Gürtel. Und zog mich durch die Spiegelfläche hindurch!

 

 

Ich verlor das Gleichgewicht und purzelte auf felsigen Boden. Dort blieb ich erstmal liegen und schaute mich staunend um, nachdem ich begriffen hatte, dass dieser Dämon mir nichts Böses wollte. Zunächst mal zumindest …

 Ein Dämon war er allemal, denn ich konnte seine dämonische Aura deutlich spüren, auch wenn sie mir fremd vorkam. Das aber war in diesem Höhlenkomplex nichts wirklich Aufregendes mehr. Hier schien alles irgendwie fremdartig zu sein. Dass der Eidesstab den Durchgang nicht mitgemacht hatte, hob mein Selbstbewusstsein nicht gerade. So war ich meinem Gegenüber hoffnungslos unterlegen.

Der Dämon war mittelgroß und schlank, fast dürr. Wie ich hatte er einen nackten Oberkörper, trug aber eine Art Rock aus Jaguarfell, die ihm bis zu den Knöcheln reichte. Abwartend starrte er mich an. Ich aber sah mich erstmal um. Hatte ich gerade gedacht, dass in diesen Höhlen alles fremdartig zu sein schien? Ich musste mich verbessern. Was ich in dieser Höhle hier sah, verschlug mir schlichtweg die Sprache. Eben weil es mir so vertraut vorkam. Auch auf dieser Seite gab es die schimmernde Spiegelfläche. Sie war allerdings viel größer als auf der anderen und bildete eine komplette Wand der Höhle. Direkt vor mir, an der gegenüberliegenden Wand, stand auf einem hohen, schmalen Tisch eine prächtige, halbrunde Federkrone, die ich auf gut und gerne einen Meter Höhe schätzte. Die Federn waren neongrün und um drei bunte Ornamente angeordnet, die halbrunden Toren glichen und sich übereinander erhoben, eins größer als das andere.

Eine aztekische Federkrone!

Auch der Rest der Einrichtung schien einem höherstehenden aztekischen Haushalt oder Tempel entnommen zu sein. Eine Art Wandteppich bildete einen zornig dreinschauenden Adler ab, der sich, auf einem Kaktus sitzend, gerade eine grüne Schlange in den Schnabel geklemmt hatte und sie in der Luft schüttelte. Ich kannte dieses Motiv. Es zierte das heutige mexikanische Wappen, zeigte aber in Wirklichkeit den Gründungsmythos der aztekischen Stadt Tenochtitlán. Darüber hing eine runde Silberscheibe mit sinnverwirrenden Mustern und einem Gesicht in der Mitte. Ich wusste aber, dass es sich um einen aztekischen Kalender handelte und konnte diesen sogar lesen. Mein drittes Leben als Georg Rudolf Speyer kam mir schlagartig wieder in den Sinn. Nach meinen Abenteuern bei den Inkas im Gefolge von Pizarro war ich 1538 nach Mexiko gereist, wo ich auch mit der aztekischen Kultur in Berührung gekommen war und sie eine Zeitlang studiert hatte.

Auf einer kleinen Anrichte häufte sich Gold- und Silberschmuck, daneben standen Vasen mit den typisch aztekischen, sinnverwirrenden Piktogrammen, die teilweise Monster oder Raumfahrer zu zeigen schienen, je nachdem, was man gerade hineininterpretieren wollte. Links von mir hingen farbige Baumwollkleider an der Wand, über deren Brust sich jeweils ein Steg mit aztekischen Mustern zog. Auch zwei Kriegskeulen und einige reich verzierte Opfermesser bemerkte ich.

Wie kam diese aztekische Enklave hierher in die Steinzeithöhle? Und wie hing das mit Legion zusammen? Natürlich lagen zwischen beiden Kulturen, wenn ich das mal so bezeichnen durfte, Jahrmillionen. Aber Legion hatte während der Aztekenepoche hier existiert, insofern konnten beide durchaus etwas miteinander zu tun haben. Allerdings lagen viele tausend Kilometer zwischen Frankreich und Mexiko. Dieses Rätsel interessierte mich wirklich.

„Gefällt es dir?“, fragte der Dämon mit durchaus angenehmer Stimme.

„Ja. Wie kommen diese aztekischen Sachen hierher?“

Das Gesicht des Dämons verzerrte sich zu einer Art Lächeln, zumindest deutete ich das so. „Unwichtig. Wer will schon wissen, wie der Adler fliegt, wenn er sieht, dass er fliegen kann?“

„Ich zum Beispiel. Denn ich bin neugierig. Darf ich fragen, wer du bist und warum du mich hier hereingezogen hast?“

„Ich sagte doch schon, dass du nicht hierher gehörst.“

Der Typ begann mich langsam aber sicher aufzuregen. „Schön. Aber du gehörst anscheinend hierher.“

„Ja, natürlich. Sonst hätte ich ja nicht erkennen können, dass das bei dir nicht der Fall ist.“

„Hast du auch einen Namen?“

„Namen sind Schall und Rauch.“

Ich musste mich wirklich beherrschen, um dem Möchtegernphilosophen nicht an die Gurgel zu gehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich absolut trocken war. Anscheinend durfte kein Wasser hier eindringen, und so war ich während des Durchgangs wohl ausgiebig geföhnt worden. Ich konzentrierte mich wieder auf mein Gegenüber. „Hast du vielleicht eine Funktion? Oder schlägst du einfach nur die Zeit tot?“

„Ah, ich sehe mit Freuden, dass du beginnst, die richtigen Fragen zu stellen. Natürlich habe ich eine Funktion. Ich bin der Torwächter.“

„Ach ja? Und was bewachst du so Wichtiges?“

„Den Dämon namens Legion natürlich. Ich bewache den See, seit Legion hier eingesperrt wurde. Denn der See stellt eine absolute Schwachstelle in diesem ansonsten sehr sicheren Gefängnis dar, die es Tag und Nacht zu bewachen gilt.“ Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, er wirkte plötzlich so gefährlich, dass ich unwillkürlich nach dem Eidesstab greifen wollte, der aber natürlich auf der anderen Seite des Tors zurückgeblieben war. „Ich bin sehr ungehalten darüber, dass du dich in Legions Gefängnis aufgehalten hast. Denn du gehörst da nicht hin.“

„Das hast du schon mal gesagt. Hast du mich deswegen hierher befördert, Torwächter?“

„Natürlich. Denn Fremdwesen innerhalb des Gefängnisses sind gefährlich für dessen Gleichgewicht.“

„Ah ja, was du nicht sagst“, ätzte ich. „Und wie oft kommt es vor, dass ein Fremdwesen in das Gefängnis eindringt?“

„Bis jetzt noch nie. Du bist das erste.“

„In all den Jahrmillionen?“, fragte ich ungläubig. „Wie willst du dann wissen, dass ich das Gleichgewicht störe?“ Mir kam es so vor, als hätte der famose Torwächter noch gar nichts vom Tod des Eingekerkerten mitbekommen.

„Natürlich weiß ich es. Wie bist du überhaupt in das Gefängnis gekommen?“

„Unwichtig“, gab ich voller Schadenfreude zurück. „Wer will schon wissen, wie einer ins Gefängnis kam, wenn er sieht, dass derjenige drin ist?“

„Du hast recht“, erwiderte er zu meiner Überraschung. „Entschuldige, dass ich eine falsche Frage gestellt habe.“

„Aber natürlich. Kein Problem. Ich freue mich, dass ich dich kennengelernt habe, Torwächter. Aber nun würde ich gerne wieder hier heraus. Aus deiner Aztekenhöhle und aus der Steinzeithöhle ganz allgemein.“ Ich grinste. „Das müsste doch sicher auch in deinem Sinn sein, Torwächter, oder nicht? Schließlich störe ich ja nur in Legions Gefängnis, deswegen ist es sicher am besten, wenn du mich so schnell wie möglich wieder vor die Tür setzt.“ Olivaro kam mir in den Sinn. Ich hatte nicht die Absicht, ihn mitzunehmen. Sollte er ruhig in der Steinzeithöhle versauern. Der Torwächter musste ja nicht wissen, dass es da oben noch einen Störenfried gab.

„Das kann ich nicht.“

„Was kannst du nicht?“

„Dich einfach so hier herauslassen.“