Rund um die Uhrmacherin spitzen sich die Dinge zu. Die Fronten sind jetzt mehr als klar, und jede Seite ist auf der Suche nach mächtigeren Mitteln, um ihre Gegner zu besiegen. Allerdings haben sowohl Irene als auch Salamanda auf ihre Art mit den Gaben zu kämpfen, die sie in den Kampf führen. Mächtige Magie kommt eben immer mit einem Preis. Hier ein Ausblick auf die Probleme, mit denen Salamanda sich konfrontiert sieht.

Salamanda Setis warf dem Eidesstab einen ungnädigen Blick zu. Dass sie hier festsaß, in diesem öden Schiedsrichterbüro, während draußen das Wiener Aprilwetter Graupelkörner über den Asphalt jagte, verdankte sie allein ihm.
Der Eidesstab hatte sie erneut an dieses Amt gefesselt. Als hätte sie ihm nicht schon lange genug gedient! Mehr als irgendjemand sonst …
„Warum hast du das getan?“, knurrte sie. „Warum ausgerechnet ich?“
Natürlich erhielt sie keine Antwort. Sie hatte auch keine erwartet. Der Eidesstab besaß eine Menge Fähigkeiten, die in der Schwarzen Familie gleichermaßen geschätzt wie gefürchtet waren, aber Sprechen gehörte nicht dazu. Dennoch spürte Salamanda die enorme magische Kraft, die von dem Feuerschädel ausging. Seit dem Totentanzritual in Meroe zierten seltsame Muster aus weißem Staub das Holz des Stabes.
Die Ereignisse im Sudan hatten die Fronten zwischen ihr und Dorian Hunter verhärtet. Ihre Zusammenarbeit war immer schon ein fragiles Arrangement gewesen, sie hatten einander nie wirklich vertraut. Zu Recht, wie sie beide aus Erfahrung wussten. Trotzdem hatte es eine ganze Weile gut funktioniert.
Tja, vorbei. Die Rabisu biss sich auf die Lippen. Abgehakt.
Dass sie sämtliche Dorfbewohner Meroes nach dem fehlgeschlagenen Ritual umgebracht hatte, würde der Dämonenkiller ihr nie verzeihen.
Andererseits hatten sie sich zuvor schon auf Leben und Tod bekämpft.
„Was soll’s also.“ Salamanda schnippte den Kugelschreiber vom Schreibtisch, der noch die Initialen von Coco Zamis trug.
Überall fanden sich Überbleibsel aus der Zeit, als Coco hier Streitigkeiten geschlichtet hatte. Allzu lange lag das ja noch nicht zurück. Ebenso wenig wie die Gerichtsverhandlung, bei der Salamanda die Hexe gegen Asmodis Anklage raffiniert und erfolgreich verteidigt hatte.
Ein gefährliches Spiel, auf das ich mich da eingelassen habe ...
Und was hatte ihr das Ganze eingebracht?
Den verhassten Schiedsrichterposten, den sie nun zum zweiten Mal innehatte. Dabei war sie einst so froh gewesen, die lästige Bürde endlich los zu sein.
Außerdem ärgerte sich Salamanda darüber, dass Coco ausgerechnet in Dorians Londoner Jugendstilvilla Unterschlupf gefunden hatte. Ihr selbst hatte man den Zutritt in der Baring Road stets verwehrt; selbst zu der Zeit, als sie noch Teil des Teams gewesen war.
Leider war dann eines Tages Irene aufgetaucht. Dorians angebliche Tochter. Seitdem stand die Rabisu an erster Stelle auf der Abschussliste.
Die verfluchte Uhrmacherin.
Erneut kochte Wut in Salamanda hoch. Sie grub die krallenartigen Fingernägel so fest in die Tischplatte, dass sie hässliche Kratzer hinterließen.
Denk nach, beschwor sie sich. Es wird Zeit, Irenes Treiben endlich Einhalt zu gebieten.
Die Ereignisse im Sudan waren kein Zufall gewesen. Zweifellos hatte Bastet ihre Schritte gezielt nach Meroe gelenkt. Sie hatte Salamanda auf die machtvolle Magie des Totentanzes aufmerksam gemacht – und wahrscheinlich verdankte sie es auch der katzenäugigen Göttin, dass sie zuvor den Eidesstab zurückerlangt hatte. Denn ohne das Artefakt wäre Salamanda kein Eingreifen möglich gewesen. Die Rabisu besaß keine eigenen magischen Kräfte und erfüllte somit die Voraussetzungen nicht, den Totentanz zu übernehmen.
Der Eidesstab allerdings schon.
Nur wusste Salamanda noch immer nicht, wie sie dessen neu erlangte magische Kraft gegen die Uhrmacherin einsetzen konnte. Was sollte sie jetzt konkret damit anfangen? Wie konnte sie Irene mit dem Staub schaden oder das Miststück am besten gleich ganz ausschalten?
„Ja, wie?“, herrschte Salamanda den Eidesstab an.
Durch die Staubzeichnungen wirkte er verändert. Inwieweit er das tatsächlich war, wusste sie nicht. Sie war keine Hexe, ihre Kenntnisse von Magie eher dürftig.
„Mir fehlt eine Gebrauchsanweisung, verdammt.“
Frustriert vor sich hin murmelnd, tastete sie den ehemaligen Feuerschädel ab. Sie rief sich das Ritual in Meroe in Erinnerung – die Gesänge, das Trommeln. Der heilige Platz zwischen den Felsen, wo die Menschen sich in Trance getanzt und den Staub aufgewirbelt hatten.
Nichts lieferte einen Hinweis darauf, wie sie dieselbe magische Kraft in einem Wiener Büro entfesseln konnte. Geschweige denn, wie sie diese gezielt anwenden konnte.
Salamanda wollte schließlich nicht diejenige sein, gegen die der Totentanz sich richtete. Was passierte, wenn der Staub toste, hatte sie eindrucksvoll miterlebt: Menschen, die innerhalb von Sekunden alterten, verschrumpelten wie Dörrpflaumen und tot zusammenbrachen.
Höchst gern würde sie Irene dasselbe Schicksal erleiden lassen.
Aber der Eidesstab gab sein magisches Geheimnis nicht preis.
Genervt umkreiste Salamanda den Schreibtisch. Setzte sich wieder, stützte den Kopf in die Hände. Es war nicht zum Aushalten! Sie kam mit ihren Überlegungen einfach nicht weiter. Irgendwann sah sie die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen ein.
Allein würde sie das Problem nicht lösen.
Sie brauchte Hilfe. Oder einen guten Rat.
Von jemandem, der sich besser mit Magie auskannte.
Begabte Hexer hatte sie Zeit ihres Lebens zwar einige kennengelernt, aber spontan schien ihr keiner davon ausreichend vertrauenswürdig. Sollte sie es trotzdem wagen?
Noch während Salamanda zögerte, ob sie einen alten Freund in Dubai kontaktieren sollte, dem sie am ehesten zutraute, sich mit Wüstenmagie auszukennen, meldete sich überraschend Asmodi bei ihr – und nahm ihr kurzerhand die Entscheidung ab.