Okay, zugegeben: Das Foto ist Fake. Daher die Warnung: Trotz des plüschigen Wolfs ist die Lektüre nicht gerade für Kinder geeignet, würde ich jetzt mal sagen. Obwohl ja auch Harry Potter manchmal ziemich krass ist. Jetzt aber zur Sache: So allmählich schleicht da draußen ein ganz anderer Geselle herum, der auch ziemlich garstig und ungemütlich sein kann: der Herbst. Macht es euch mit einem warmen Tee  (gern auch mit Schuss) und Kerzenschein und natürlich einem richtig guten Buch oder Hörbuch gemütlich, und ihr vergesst das Wetter und sonstige Scheußlichkeiten für ein paar Stunden. Ich empfehle euch natürlich den jüngst erschienenen HEXENHAMMER und werfe euch hiermit einen weiteren blutigen Appetitfetzen hin:

Was sein Befehl, „ein besonderes Auge“ auf mich zu haben, bedeutete, sollte ich die nächsten Wochen bitter erfahren. Wie alle Mädchen und Frauen bekam auch ich eine Aufgabe zugewiesen. Es gab mehr von uns, als ich zunächst gedacht hatte. In mindestens einem weiteren Schlafsaal, der in einem anderen Trakt lag, nächtigten weitere Gefangene. Ja, wir alle waren Gefangene, mehr und mehr wurde mir das bewusst.
Meine Aufgabe war es zunächst, die Latrinen zu reinigen. Es gab solche für die Ordensbrüder, für die zumeist spezielle Aborterker angelegt worden waren. Und solche für das Gesinde, zu dem man auch uns zählte. Diese waren für alle einsehbar, so wie es auch für die Schlafräume galt. Selbst wenn die Wächter fort waren, fühlte ich mich von unsichtbaren Augen beobachtet.
Ich war nicht das einzige Mädchen, das für den Latrinendienst eingeteilt worden war. Eines Tages traf ich in einem der Erker auf die blonde Frau mit der Narbe. Grethlin – ich hatte mir ihren Namen gemerkt. Sie kniete auf dem Boden und schrubbte den Schmutz von den Steinen. Es war eine harte Arbeit, und es war bitterkalt. Der Wind pfiff durch die Erkeröffnungen herein.
„Lass mich dir helfen.“ Ich kniete mich neben sie. Der Steinboden war eisig, und die Hinterlassenschaften der Ordensleute hatten sich teilweise hineingefressen, sodass wir sie mit bloßen Händen herauskratzen mussten. Hin und wieder kam ein Wächter vorbei, und natürlich war es ihm auf einmal nie reinlich genug, auch wenn wir uns noch so sehr mühten. Peitsche und Stock waren dabei die geringste Bestrafung. Grethlin erzählte von einem Mädchen namens Waltraut, das die Kerle für Stunden in ihre Kammern verschleppt hatten. Sie war an Leib und Seele geschunden zurückgekehrt, und niemand konnte sagen, ob sie froh war, noch am Leben zu sein. Ich wollte nicht, dass man Grethlin oder mich verschleppte, und sie mühte ich mich nach Leibeskräften, bis der Boden unter uns zu glänzen schien.
„Du darfst es nicht übertreiben“, belehrte mich Grethlin, während wir Seite an Seite weiterarbeiteten.
„Also ist dir die Peitsche lieber?“
„Ich ertrage lieber den Schmerz, als dass ich die Vierzehnte bin.“
„Die Vierzehnte? Was meinst du damit?“
Sie wies auf ihre Narbe. „Glaubst du, die habe ich mir zum Vergnügen beigebracht?“
„Du hast sie dir selbst …?“
Sie blickte sich um und fuhr flüsternd fort. „Zu jedem Vollmond wird eine von uns erwählt – und zwar jene, die am fleißigsten, gehorsamsten und darüberhinaus die Schönste von uns ist. Sie nennen sie die Vierzehnte. Die anderen dreizehn müssen mindestens einen weiteren Monat dienen. Sie locken uns damit, dass die Vierzehnte angeblich zur Belohnung die Freiheit erlangt. Doch ich weiß es besser …“
„Woher?“
Sie lachte bitter auf. „Wenn die Brüder betrunken sind, löst sich manche Zunge.“
„Und was passiert mit der Vierzehnten?“
Sie schwieg und arbeitete weiter.
„Was passiert mit der Vierzehnten? Sag es mir!“
„Frag Waltraut. Vielleicht mag sie es dir sagen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Du weißt es gar nicht! Was ist, wenn die Vierzehnte doch die Freiheit erlangt? Und wir anderen müssen bis in alle Ewigkeit schuften!“
„Glaub, was du glauben willst. Aber wenn du schlau bist, behältst du es für dich!“
„Und warum hast du es gerade mir verraten?“
Grethlin hob die Schultern. „Vielleicht weil du mich dauerst, ich weiß es nicht.“
Ich hielt inne und musterte sie. „Du lügst.“
Sie atmete tief durch, dann nickte sie, und ein merkwürdiger Glanz trat in ihre Augen. „Ich bin seit fünf Jahren hier. Ich bringe mir Narben und Verletzungen bei, damit ich niemals die Vierzehnte werde. Doch als ich dich sah, erkannte ich, dass du anders bist als wir alle.“
Da erklangen auf einmal Schritte. Wir warfen uns sofort auf den Boden und arbeiteten weiter.
„Was hängt ihr da beieinander und tuschelt?“
Ich vernahm das Schnalzen der Peitsche, und im nächsten Moment küsste sie meinen Rücken. Den Schmerz empfand ich als angenehm, erinnerte er mich doch an meine Geißelungen, die innerhalb dieser Mauern streng untersagt waren. Als ich einmal mehrere Lappen zu einem Strick geknotet hatte, um das Verbot zu umgehen, war sogleich ein Wächter eingeschritten. Zur Strafe hatte ich zwei Tage lang in einer stockfinsteren Kammer gehockt, ohne Wasser und Brot, um meine Sünde zu bereuen.
Allerdings verursachte mir die Freude über den Schmerz in diesem Augenblick ebenfalls ein schlechtes Gewissen, da ich wusste, dass Genuss, selbst der von Schmerz, nicht gut katholisch war.
Mir wurde befohlen, in einem anderen Erker weiterzumachen, sodass Grethlin und ich unser heimliches Gespräch nicht fortsetzen konnten. Zu gerne hätte ich ihr weitere Fragen gestellt, doch auch in den nächsten Tagen ergab sich dazu keine Gelegenheit …

Ihr seid noch immer hungrig? Nichts da! Ich denke, ich habe euch nun genug angefüttert. Wenn ihr lesen oder hören wollt, was es mit dem geheimnisvollen Kloster auf sich hat, in dem Charlotte de Conde gefangen gehalten wird, könnt ihr Buch und Hörbuch direkt hier bestellen!

Schwarze Grüße und bleibt vor allem gesund!
Uwe