Wer DORIAN HUNTER kennt und liebt und die ersten Szenen der kürzlich erschienenen Hörspielfolge 42 gehört hat, wird sich vermutlich gefragt haben: What the fuck ...? Gehört der berühmte Walzer Nummer 2 von Dmitri Schostakowitsch jetzt etwa zum DORIAN HUNTER-Score?

DORIAN HUNTER Folge 42, „Schuld und Sühne“Mit ähnlichen Worten ich den Text im Innenteil des CD-Booklets von Folge 42 begonnen – einer Folge, die sich als erste Episode seit langer Zeit wieder einmal komplett von den Romanvorlagen entfernt. Der erste Grund dafür liegt natürlich in der Secret-Service-Agentin Bethany Bail, die Trevor Sullivan auf den Posten des „Observator Inquisitors“ der Inquisitionsabteilung nachgefolgt ist. (Wer sich erinnert: Wir hatten nach dem Tod der Hörspiellegende Konrad Halver entschieden, die Figur Sullivan aus der Hörspielserie herauszuschreiben, weil sie einfach zu stark mit Konrads Stimme verbunden war.) Sullivans Nachfolgerin Bethany Bail ist also eine Figur der Hörspiele, die in der Romanserie niemals vorkam. Sie wird von Karin Rasenack grandios verkörpert. – Der zweite Grund liegt in der Figur Michael Zamis. In der Romanserie bereits in Band 12 verstorben, treibt er in der Hörspielserie immer noch sein Unwesen – und verfolgt einen Plan, der es offenbar nötig macht, den Secret Service auch nach Hunters Ausscheiden mit Agenten zu infiltrieren.

Der Konflikt zwischen Zamis’ Handlangern und Bethany Bail wird in Folge 42 zum Siedepunkt geführt – mit einem sicherlich für viele Hörer schockierenden Ausgang. Gleichzeitig folgen wir parallel dem Dämonenkiller, der nach seiner Rückkehr aus Südamerika damit beschäftigt ist, seiner genesenen Frau Lilian ein gutes Zuhause zu bieten.

Die enge, spießige Atmosphäre von Dorians und Lilians Reihenhaus in der Abraham Road einerseits sowie der tragische Kampf Bethany Bails gegen Zamis’ Schergen andererseits bilden in der Folge einen starken Kontrast. Weshalb mir die Idee umso interessanter erschien, den Kontrast zu kontrastieren, indem diese beiden so unterschiedlichen Handlungen mit ein und demselben musikalischen Motiv begleitet werden.

Welches Stück aber ist ambivalent genug, diesen Spagat zu schaffen? Meine Wahl fiel schon früh auf den bekannten Walzer Nr. 2 des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Welch nette Verbindung zu Bails Clou, die dämonische Intrige des „bösen Russen“ in die Schuhe zu schieben! Auch der Titel „Schuld und Sühne“,  der ja nie so richtig zu Dostojewskijs Roman passte, aber wohl für immer mit diesem großen russischen Roman verhaftet bleiben wird, passte da irgendwie ins Bild.

Allerdings ist Dmitri Schostakowitsch erst 1975 gestorben, weshalb sein Werk noch nicht gemeinfrei ist. Vor Klärung der Rechtefrage musste ich deshalb im Dialog-Skript zwei mögliche Alternativen einfügen, die auch beide aufgenommen wurden – nur für den Fall, dass wir später doch ein anderes Stück würden auswählen müssen:

Stanley Whelan
(holt eine Flasche Wein aus dem Schrank)
Wenn ich mich recht erinnere, wissen Sie einen echten Saperawi aus dem Kaukasus noch zu schätzen.
(mustert das Etikett)
Der hier ist Jahrgang 2011.
Wunderbar herb im Abgang.

Bethany Bail
Mindestens so sehr wie Kittlers „Expectation“.
(Mindestens so sehr wie Schostakovich.)
(Mindestens so sehr wie die alten Meister.)

Stanley Whelan
(lacht)
Ja, ja, meine Sammlung!
(Der gute alte Lavrientivitsch!)
(zieht den Korken)
Meine Frau sagt mir immer, ich soll die alten Platten endlich wegwerfen und mir einen Streaming-Accout zulegen!
Aber ... man kann die Russen nicht ein Leben lang bekämpfen, ohne sie zu lieben.

Tatsächlich wäre das genannte Stück „Exspectation“ von Herold Lavrentievich Kittler meine erste Alternative gewesen. Über den Autor ist nicht viel mehr bekannt, als dass er ebenfalls Russe war und im Ersten Weltkrieg gedient hat. Auch das Stück selbst ist erkennbar älter als der Walzer Nr 2 und verfügt nicht annähernd über dessen „hypnotisierende Eleganz“ (meine Wortschöpfung). Insofern bin ich sehr froh, dass wir am Ende doch den Walzer verwenden konnten, den Andreas Meyer dann noch einmal exklusiv für DORIAN HUNTER eingespielt hat.

Doswidanje und bis nächste Woche!