Sowohl die Magische Bruderschaft in London als auch Dorians Mal-Freund-mal-Feind Olivaro haben in den letzten Romanen ziemlich gelitten. Während die Magische Bruderschaft sich aufreibt bei dem Versuch, die britischen Inseln dämonenfrei zu halten, wurde Olivaro von dem Kopfgeldjäger Solomon Keyes mit einer vergifteten Kugel getroffen. Dieser Umstand bringt Olivaro und unsere weißmagischen Brüder deutlich näher, als ihnen beiden lieb ist. Aus der Feder von Simon Borner habe ich hier einen kleinen Ausblick für euch auf DORIAN HUNTER 95: "Olivaros Sterbelied".


Er starb.

Alle wussten es. Niemand konnte es verhindern.

Und tief in ihrem Innern wollten sie es auch nicht.

„Ich sag das jetzt nicht laut“, hörte Dave Franco die Stimme des anderen Logenbruders hinter sich. „Denn Wände haben manchmal Ohren, und meine Meinung entspricht nicht gerade dem, was die Anführer unserer Bruderschaft aktuell hören wollen. Aber ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Und ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich denken soll. Klar? Also, ganz leise und ganz ehrlich: Von mir aus soll der Typ verrecken! Je jämmerlicher, desto besser! Jeder Tag, an dem er die Augen aufschlägt, ist ein Tag, an dem unsere Gemeinschaft ihre Ideale verrät. Das ist meine Meinung.“

Die zweite Stimme klang entsetzt, widersprach aber nicht. „Psst. Um Himmels willen, wenn Magnetto das hört …“

„Magnetto kann mich mal!“, schimpfte Stimme eins. Nun wurde sie doch lauter. „Verraten und verkauft hat der uns! Die Magische Bruderschaft Londons ist ein heiliger Bund, mein Freund. Aber unser ach so verehrter Großmeister macht ihn unheilig, weil er vor Dorian Hunter kuscht, anstatt auf den Tisch zu hauen. Eine Schande ist das, hörst du? Eine gottverdammte Schande.“

Franco hatte genug gehört. Der Praktikus der Magischen Bruderschaft drehte sich um und ging zurück. Die Stimmen kamen aus einem offen stehenden Zimmer im Obergeschoss des Logengebäudes. Durch puren Zufall hatte Franco es soeben im Flur passiert. Und nun trat er ein.

„Eine Schande, ja?“, fuhr er die beiden Männer im Raumesinneren an. „Ein unheiliger Bund?“

Die Brüder zuckten zusammen wie auf frischer Tat ertappte Ganoven. Franco kannte sie vom Sehen, wusste aber nicht ihre Namen. Einer war stämmig und hatte dunkle Haut, einer war rothaarig und stubenhockerblass. Mit Zuhörern hatten beide sichtlich nicht gerechnet.

„W... Was?“, stammelte der Stämmige. Franco schätzte ihn auf Mitte Vierzig. „Da müssen Sie sich verhört haben, denn …“

„Sparen Sie sich die Lügen, ich glaube sie ohnehin nicht.“ Franco trat auf den Mann zu. Ihm gehörte die Stimme Nummer eins also. „Sie sind ein ganz Schlauer, hm? Sie wissen’s besser als der Großmeister und seine Vertrauten, hm? Sie schämen sich für die Bruderschaft, der Sie Ihr gesamtes Leben gewidmet haben?“ Eine Pause. „Nur zu. Geben Sie es ruhig zu, dass es so ist. Ich habe Ohren, Mann! Ich weiß, wie Sie denken.“

Der Stämmige verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Er stand am Fenster des kleinen Zimmers, und durch die Scheibe konnte Franco die Sonne über London aufgehen sehen. „Verdammt richtig – und das wird man ja wohl noch sagen dürfen! Wo sind wir denn, wenn wir jetzt schon Dämonen aufnehmen und gesund pflegen? Unsere Erzfeinde, verflucht noch mal!“

Der zweite Mann hatte seinen Mut wiedergewonnen und nickte nun kräftig. „Genau.“

Franco seufzte. Er verstand die zwei Brüder gut, das war ja das Schlimme. Auch er war wenig begeistert davon, dass sich der Dämon Olivaro in der Obhut seiner geliebten Londoner Loge befand. Mehr noch, dass diese Loge den Auftrag hatte, Olivaro mit allen Mitteln am Leben zu erhalten! Koste es, was es wolle.

Es widersprach allem, an das Franco glaubte.

Dennoch wusste er, dass es das Richtige war. Zumindest in dieser Situation.

„So leid es mir für Sie beide tut, wir werden Olivaro retten“, sagte er den zwei Brüdern. „Wir werden alles in unserer Macht Stehende versuchen, um seinen Tod aufzuschieben. Dieser Aufgabe dienen wir – ihr allein.“

„Und die Barriere?“ Der Rothaarige schob das Kinn vor. „Was ist mit der? Unsere Brüder an der Front brauchen jede Hilfe, die sie kriegen können, um die Mächte der Finsternis von einer Invasion abzuhalten. Und wir? Wir hocken hier und messen Fieber bei einem Dämon!“

„Dorian Hunter hat uns darum gebeten“, betonte Franco. Auch ihn begeisterte es wenig, die Brüder an der Magischen Schutzbarriere allein zu lassen. Dass die Londoner Zentrale deswegen so spärlich besetzt war, machte ihn ebenfalls nervös. Doch die Umstände ließen sich nun einmal nicht ändern. Man musste sie nehmen, wie sie kamen. Und man musste versuchen, sie zu meistern – immer und mit aller Kraft. „Ihm gefällt es genauso wenig wie uns. Aber er versteht, welchen Nutzen Olivaro für unsere gemeinsame Sache hat. Er braucht diesen Dämon noch – lebend! Also werden wir ihn am Leben erhalten, Brüder. Wir alle. Selbst wenn es das Letzte wäre, was wir auf Erden tun.“

Die Männer schwiegen. Sie sahen zu Boden, und ihre Mienen verrieten, wie ungern sie dem Praktikus zustimmen wollten.

Doch Franco ließ nicht locker. „Verstanden?“

Schweigen.

„Verstanden?“, wiederholte er strenger.

Nun nickten die zwei Brüder. „Verstanden“, murmelte der Stämmige. Es klang, als hätte er sich lieber die Zunge herausgerissen, als dieses eine Wort zu sagen.

„In Ordnung.“ Franco beschloss, es dabei zu belassen. Mehr durfte er vermutlich nicht erwarten. Im Grunde hatten die Männer ja recht. „Schön, dass wir das klären konnten. Ich schlage vor, Sie widmen sich jetzt wieder Ihren Arbeiten, anstatt hier Klönschnack zu halten. Und behalten Sie Ihre private Meinung von jetzt an tatsächlich lieber für sich. Sie hilft nämlich niemandem, klar?“

Sprach’s, drehte sich um und verließ den Raum. Er hatte gehörige Wut im Bauch, aber nicht nur auf die zwei Männer. Sondern vor allem … auf sich selbst.

 

Das Krankenzimmer lag im Halbdunkel. Die Vorhänge standen nur einen schmalen Spalt offen, und wenig Licht fiel ins Innere. Zwei Personen standen um das schmale Bett herum, und auf all ihren Mienen zeigte sich die gleiche unbeschreibliche Mischung aus Sorge und Zorn.

„Er wird es nicht schaffen“, sagte Peter Magnetto schließlich. Der Großmeister der Londoner Dependance der Magischen Bruderschaft sah niedergeschlagen zu seinen Brüdern. Dann deutete er auf die zahlreichen medizinischen Monitore, die hinter dem Bett leise surrten und piepsten. „Diese Anzeigen beweisen es, aber man sieht es mit dem bloßen Auge. Olivaro wird sterben. Schneller, als es uns lieb ist.“ Er seufzte. „Und ich glaube kaum, dass ich das gerade gesagt habe: Schneller, als es uns lieb ist.“

Dave Franco schluckte. Es tat weh, den obersten Bruder so ratlos zu erleben. „Was sagt das Labor? Was denken die Alchemisten?“

„Pff.“ Magnetto schüttelte den Kopf. „Sie raufen sich die Haare, das denken sie. Sie wissen nicht mehr weiter.“

Der Großmeister ging zum Fenster und öffnete den Spalt ein wenig mehr. Warmes Vormittagslicht erhellte seine faltigen Züge. Franco fragte sich, wann Magnetto zuletzt geschlafen hatte. Es schien entsetzlich lange her zu sein, denn die Ringe unter den Augen des Logenleiters wurden nahezu stündlich dicker.

„Dieses Gift …“ Magnetto atmete ächzend aus. „Es lässt sich nicht greifen. Verstehen Sie, Franco? Es ist wie kein anderes, das wir kennen und behandeln können. Unsere größten Experten stehen vor einem Rätsel, das sie unlösbar finden.“

Franco runzelte die Stirn. Nachdenklich sah er zum Bett.

Olivaro, der Dämon, hatte die Augen fest geschlossen. Sein Atem ging stockend, und seine Stirn war schweißnass. Er schlief und litt doch Höllenqualen, so viel war sicher. Und wenngleich er kein Mitleid von Franco erwarten durfte und auch keines wollte, empfand Franco in diesem Moment Mitleid – für Dorian Hunter!

„Unlösbar inwiefern?“

„Das Gift lässt sich nicht isolieren“, erklärte Magnetto. „Es ist zwar nachweislich in Olivaros Körper – in stattlichen Mengen, sogar! –, aber es mutiert ständig. Es macht eine genaue Identifikation unmöglich, weil es immer wieder seine Zusammensetzung ändert. Ganz ohne Fremdeinfluss.“ Er seufzte wieder. „Ganz ehrlich, so eine perfide Magie habe ich selten gesehen. Wie soll man ein Gift behandeln, dass man nicht identifizieren kann?“

Gar nicht, verstand Franco. Genau das war wohl der Plan hinter Olivaros Zustand. Und dieser Plan geht auf.

„Und doch kann niemand außer ihm den neuen Eidesstab erschaffen“, fuhr der Großmeister fort. „Hunter braucht Olivaros Hilfe, wenn er siegen will. Er braucht diesen Stab. Je länger ich den Zustand des Dämons aber verfolge, desto größer werden meine Zweifel. Schafft Hunter es noch rechtzeitig zurück nach London? Oder stirbt Olivaro, ohne den Stab erschaffen zu haben?“

Franco nickte. „Wo ist Hunter inzwischen, wissen wir das?“

Magnetto schüttelte den Kopf, doch es war der Dämon selbst, der antwortete.

„Am Arsch ist der“, knurrte die tiefe Stimme vom Bett herüber. Olivaro war schwach und fiebrig, doch sein Hass brannte noch immer heller als jedes Fieberfeuer. „Und da gehört er auch hin. So wie ihr alle.“

„Sie sind ja doch wach“, bemerkte Magnetto trocken. „Wie schön.“

Olivaro öffnete blinzelnd die Augen. Sie waren glasig, und ihr Blick schien ins Leere zu gehen. „Und ob das schön ist“, sagte er keuchend, gefolgt von einem gewaltigen Hustenanfall. Franco stand zwar direkt am Bett, half dem Dämon aber nicht. „Und ich komme nicht umhin, mitzubekommen, wie gern Sie mich hier haben. So viel Gastfreundschaft werde ich Ihnen sicher bei Gelegenheit vergelten.“

Das war eine Drohung, aber eine leere, das wusste Franco. Olivaro stand vermutlich nie wieder auf. Auch dem Dämon musste das inzwischen klar sein. Doch Franco verstand auch seinen Hass. Niemand war mit dieser Situation zufrieden – nicht die Bruderschaft, nicht Olivaro.

Der Großmeister seufzte, dann sah er zu Franco. „Kommen Sie, Dave. Lassen wir ihn eine Weile allein.“

„Ha!“, ächzte der Dämon. „Wie aufmerksam …“

Sie ließen ihn reden. Schweigend traten die zwei Brüder aus dem Zimmer, und Franco schloss die Tür hinter ihnen. Im Flur des Logenhauses war es still und heller. Das, fand der Praktikus, war schon mal ein Anfang.

„Wo ist Hunter inzwischen?“, fragte er seinen Meister erneut. Und er fragte sich, ob er die Antwort wirklich hören wollte. Ob es überhaupt eine gute Antwort darauf gab. „Wissen wir das?“

Magnetto schüttelte den Kopf. „Dandan Oilik, wenn alles gut läuft, aber wir können nur hoffen.“