Norwegen zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es erst sehr spät christianisiert wurde. Während im Rest von Europa schon alle brav zur Kirche gingen und sich vor Dämonen fürchteten, glaubte man in Norwegen noch an die alten Götter ... und andere Wesen. Deshalb habe ich mir die Frage gestellt: Was wäre, wenn auch die Schwarze Familie dort erst recht spät Fuß gefasst hat?

In DORIAN HUNTER Band 82 verschlägt es Dorian auf der Jagd nach Mainica nach Norwegen. Aber nicht nur das. Er muss auch in der Vergangenheit forschen, diesmal allerdings nicht in seinen eigenen Erinnerungen, sondern in den Aufzeichnungen eines norwegischen Dämonenjägers, der aktiv war, lange bevor Dorians erste Inkarnation, der Baron de Conde, überhaupt geboren wurde.

Was er dabei herausfindet, dürfte nicht nur ihn überraschen. Denn in Norwegen trieb damals eine ganz eigene Art von Dämonen ihr Unwesen. Aber lest selbst, was bei einem Thing in einem kleinen norwegischen Dorf zutage kommt.


Als dritte Person wurde ein junges Weib vorgeführt, das verstört und voller Angst um sich blickte. Laut dem Thingschreiber hieß das Weib Raghild, zählte dreiundzwanzig Winter und war der Hexerei angeklagt. Als der Thingsprecher ihre Untaten verlas und sie so zur Anklage brachte, begann Raghild, die Gott nicht mit übermäßiger Schönheit bedacht hatte, zu zittern und leise zu schluchzen. Sie senkte den Kopf, weil sie niemanden aus der atemlos schweigenden Menge anschauen wollte.
„Raghild Skjelbred, du dientest dich dem Bauern Vegard Forren als Amme an, da seine Frau Lisa im Kindbett verstarb und dein eigenes Kind kurz zuvor tot zur Welt kam. Doch anstatt den kleinen Snorre Forren mit deiner eigenen Milch zu stillen, wie sich das für eine gute Amme gehört, hast du ihm gleich am ersten Tag ein anderes Aussehen angehext, während Vegard Forren die Feldarbeit verrichtete. Als er am späten Nachmittag vom Feld zurückkehrte, fand er den kleinen Snorre mit völlig verändertem Aussehen im Kindbett vor. Du selbst warst nicht im Haus bei dem Kind, wie sich das für eine Amme gehört, Raghild Skelbred, du kehrtest erst eine halbe Stunde später wieder zurück.“
Empörtes Murmeln ging durch die Reihen der Zuhörer. Ich hörte vereinzelte „Lasst die Hexe brennen!“-Rufe.
„Ruhe!“, schrie der Vogt mit voller Stimme. „Hier wird niemand verbrannt. Jedenfalls nicht so schnell. Ich bin damit beauftragt, die Wahrheit herauszufinden, und das werde ich tun. Zuerst soll Raghild Skjelbred Gelegenheit gegeben werden, sich zu rechtfertigen.“
Ein Mann in der Menge hob die Arme. „Sie war eifersüchtig, dass ihr eigenes Kind starb, während meines leben durfte!“, schrie er schrill. „Vielleicht hat sie selbst auch niemals ein Kind geboren, sondern es uns allen nur vorgegaukelt, damit ich sie als Amme annehme. Wer weiß, was sie noch vorgehabt hätte, wenn ich nicht früher als geplant vom Feld zurückgekehrt wäre. Sie muss brennen!“
„Ruhe!“, brüllte der Vogt erneut. „Das gilt auch für dich, Vegard Forren. Du hast dich wie alle anderen den Regeln des Things zu unterwerfen oder ich lasse dich entfernen.“
Forren ließ den Kopf sinken und Raghild Skjelbred begann zu sprechen. Leise, stockend, ich musste genau hinhören, damit ich sie verstand.
„Ich bin keine Hexe, hoher Thingrichter. Ich bin nur eine einfache Frau, eine verzweifelte Mutter, die sich Vegard Forren in bester Absicht und aus tiefem Mitleid heraus als Amme angedient hat …“ Sie zitterte nun so stark, dass der Vogt ihr einen Stuhl hinschieben ließ. Dankbar sank sie darauf nieder, während das empörte Murren im Publikum anstieg. Wieder musste der Vogt eingreifen.
„Als ich … den kleinen Snorre gestillt hatte und er friedlich in seiner Wiege schlief, ging ich in die Küche, um etwas Fisch und Smalahove, geräucherten Schafskopf, fürs Abendessen zuzubereiten. Plötzlich hörte ich ein Poltern im oberen Stockwerk und ich ging die Treppen hoch. Dann betrat ich Snorres Zimmer und … und …“ Sie brach in ein Schluchzen aus. Mit dem Ärmel wischte sie ihre Tränen ab.
„Weiter“, verlangte der Vogt.
„Im Zimmer standen … drei Fremde. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Zwei Frauen und ein Mann. Die … die eine Frau hielt Snorre auf dem Arm, der plötzlich zu schreien anfing, während in der Wiege ein völlig fremdes … Ding lag. Es strampelte und schlug mit den Armen um sich, sah aber nicht wie … ein Mensch aus, irgendwie anders, so unglaublich hässlich. Der … Mann stand an der Wiege und wollte gerade etwas machen, aber … die … die Fremden schienen Angst vor mir zu haben …
Ich weiß nicht mal, ob das überhaupt Menschen waren, aber … aber sie starrten entsetzt auf meine Brust, wo das Schutzamulett meiner Großmutter hing. Der Mann an der Wiege fuhr hoch. Sie … fauchten und zischten mich an und sahen böse aus. Ich hatte schreckliche Angst und schrie sie an, Snorre nichts zu tun und ihn mir zu geben. Aber sie flohen durch das offene Fenster, durch das sie gekommen waren. In meiner Panik rannte ich nach unten und … hinter ihnen her.“ Mit flehenden Blicken sah sie den Vogt an. „Herr, ich wollte doch nicht, dass sie Snorre mitnehmen, ich wollte nicht, dass dem Kleinen etwas passiert. Wer weiß schon, was sie mit ihm vorhaben? Das erklärt, warum ich nicht im Haus war, denn ich habe über eine Stunde die ganze Umgebung nach ihm abgesucht, fand die Fremden aber nicht mehr.“
Höhnisches Gelächter aus dem Publikum ertönte. „Wer soll das glauben, verfluchte Hexe? Nichts als Ausreden, um dem Scheiterhaufen zu entgehen.“ – „Ich wusste ja schon immer, dass die Dreck am Stecken hat! Auch meine Kuh hat sie schon verhext, so dass sie keine Milch mehr gab.“ – „Ja, meine auch!“
Der Vogt hatte Mühe, die Menge wiederum zu beruhigen. Aber er schaffte es. „Warum glaubst du, dass die Fremden keine Menschen waren?“
Raghild schluckte ein paarmal. Die Worte wollten ihr nur schwer über die Lippen. „Es … waren die Schatten der Fremden. Sie bewegten sich … anders als diese, geradeso, als ob sie selbst leben würden. Sie schnappten nach mir, aber auch sie schienen Angst vor dem Schutzamulett meiner Großmutter zu haben.“


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Andrea