Am 2.12 erscheint DORIAN HUNTER Band 86: "Huli Jing". Wie der Name vielleicht schon vermuten lässt, geht es diesmal ins alte China, und Dorian bekommt es in seinem früheren Leben als Hugo Bassarak mit einer ganz neuen Sorte Dämon zu tun. Als kleinen Vorgeschmack darauf habe ich euch eine Leseprobe mitgebracht.

Diesen Band zu plotten und zu schreiben hat großen Spaß gemacht. Er spielt praktisch ausschließlich im alten China, und ich habe das zum Anlass genommen, mir auf der Basis der chinesischen Mythologie ein paar Dämonen auszudenken, die man bei DORIAN HUNTER so noch nicht gesehen hat.

Der zweite Teilroman, "Yama", stammt aus meiner Feder, den ersten hat Christian Schwarz geschrieben. Und Christian hatte unter anderem die interessante Aufgabe, Hugo Bassarak eine Stalkerin auf den Hals zu hetzen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.


Ich war ungefähr drei Monate hier, als ich sie zum ersten Mal bemerkte. Es war um die Mittagszeit. Ich hatte gerade eine Portion „Der Tiger bekämpft den Drachen“ gekauft und verzehrte sie mit Stäbchen, in deren Handhabung ich durchaus noch Defizite hatte, als ich plötzlich ein seltsames Kribbeln im Nacken spürte. So, als würde mich jemand intensiv beobachten. Erstaunt drehte ich mich um. Tatsächlich hatte ich freies Blickfeld auf eine schmale Gasse, die zwischen zwei verschachtelten Häuserblocks mündete. Halb im Schatten sah ich eine junge, sehr hübsche Chinesin stehen. Sie schien deutlich helleres Haar als ihre Landsleute zu haben, eher rotbraun als schwarz, aber das war bei den herrschenden Lichtverhältnissen nur schwer auszumachen. Sie trug ihr Haar hochgesteckt und ein bis zu den Knöcheln fallendes goldenes Gewand mit weiten, schwarzgesäumten Ärmeln und eingewobenen Silberfäden. Es sah sehr teuer aus, möglicherweise bestand es aus Satin oder Brokat. Die Frau starrte mich unverwandt an, zumindest hatte ich das Gefühl, dass sie mich meinte. Als ich sie nun meinerseits musterte, wandte sie den Blick nicht ab.
Was war sie? Eine Prinzessin oder doch zumindest eine hochgestellte Dame? Wahrscheinlich. Denn die Menschen, die in ihre Nähe kamen und sie ebenfalls sahen, wichen ihr scheu aus. Ich nickte ihr zu. Sie reagierte nicht. Meinte sie vielleicht doch jemand anderen als mich? Ich ging einige Schritte auf sie zu. Sofort drehte sie um und verschwand in den Schatten der Gasse. Als ich die Gasse betrat, sah ich die schöne Fremde nicht mehr, aber auch keine anderen Leute. Wie ausgestorben lag die Gasse da, nicht einmal aus den Fenstern schaute jemand, was ich als eher seltsam erachtete, denn das hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Hatten die Anwohner der Fremden aus Ehrfurcht Platz gemacht? Oder aus Angst? Ich ging die Gasse, über der die Häuser fast zusammenwuchsen und nur noch einen schmalen Spalt Himmel zeigten, bis zum Ende durch. Sie mündete in weitere Gassen, und so ging ich zurück, denn mir war klar, dass ich die Fremde niemals finden würde, wenn sie es nicht wollte. Eine Weile ging sie mir nicht aus dem Sinn, zumal mir irgendetwas komisch vorkam, dann hatte ich sie wieder vergessen, weil anderes meine Aufmerksamkeit in Beschlag nahm.
Drei Tage später sah ich sie wieder. Ich verhandelte gerade mit dem Hoppo, als sie neben aufgeschichteten Fässern auftauchte und mich von dort aus intensiv musterte. Sie sah aus wie beim ersten Mal. Dieselben Haare, dasselbe Kleid. Ich spürte einen Knoten im Magen und wurde leicht nervös. Plötzlich fiel es mir schwer, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. „Kennt Ihr diese Frau dort hinten?“, fragte ich Wan aus einer Eingebung heraus. Erstaunt drehte der Hoppo sich um, viel behänder, als ich ihm das seines Leibesumfangs wegen zugetraut hätte. Doch noch während er sich drehte, verschwand die Frau wie ein Geist hinter den Fässern. Am liebsten wäre ich dorthin gerannt, traute mich aber nicht, den Hoppo auf diese Weise zu missachten. „Sie ist verschwunden“, sagte ich stattdessen überflüssigerweise.
„Beschreib sie mir“, quiekte der Hoppo. Als ich es tat, sah er mich mit einem seltsamen Blick an, erwiderte aber nichts. Stattdessen setzte er unser Verhandlungsgespräch fort. Hatte ich einen Fehler gemacht und eine Silbe falsch betont? Dann war vielleicht etwas völlig anderes als beabsichtigt herausgekommen. Und um mich nicht auf meinen Fehler hinweisen zu müssen, ignorierte er ihn einfach.
Die dritte Begegnung mit der geheimnisvollen Schönen war eigentlich gar keine. Jedenfalls nicht für mich. Peter Wakehurst hatte vor Kurzem das Appartement neben meinem bezogen, da es durch den plötzlichen Tod eines alten Kaufmanns freigeworden war. „Heute Nacht hatte ich einen äußerst seltsamen Traum“, erzählte er mir beim Frühstück.
„Was denn für einen?“
Peter räusperte sich. Dann grinste er schräg. „Nun, ich bin plötzlich wach geworden. Mir war heiß, ich bin aufgestanden und auf den Balkon gegangen, um ein bisschen frische Luft zu schnappen. Äh, na ja, als ich raustrat, bin ich ganz schön erschrocken. Denn auf deinem Balkon … das ist verrückt …“
Ich spürte, wie es mir eiskalt den Rücken hinunterlief, und beugte den Oberkörper vor. „Was meinst du?“
„Das muss eine Halluzination gewesen sein, die Verkörperung all meiner lüsternen Träume der vergangenen Monate. Denn da stand eine wunderhübsche Chinesin und starrte durch die Scheibe in dein Zimmer …“
Meine Gänsehaut breitete sich schlagartig auf den ganzen Körper aus. „Hatte sie ein goldenes Kleid an?“, fragte ich krächzend.
„Ja“, erwiderte er verwundert. „Du kennst sie?“
„Nein.“
Er musterte mich forschend. „Doch, natürlich kennst du sie, Hugo. Woher wüsstest du sonst, wie sie angezogen war?“
„Ich erzähle es dir ein anderes Mal“, erwiderte ich schnell. „Was hat sie gemacht?“
„Nun, sie ist herumgefahren und hat mich aus brennenden Augen angestarrt. Richtig unheimlich war das. Für einen Moment … bekam ich sogar Angst vor ihr. Ich hab irgendwas gestammelt. ‚Wer sind Sie?’ oder so was, ich weiß es nicht mehr. Und dann …“
„Was und dann?“
Ich sah das Glänzen in seinen Augen, weil sie feucht vor Aufregung wurden. Das Gesehene nahm ihn immer noch mit. „Dann … ist sie mit einem Satz über das Geländer gesprungen.“ Peter legte vertraulich seine rechte Hand auf die meine. „Hugo, ich bin an das Geländer getreten, weil ich dachte, sie liegt zerschmettert im Hof“, sagte er in beschwörendem Ton. „Aber … ich schwöre es dir beim Weltheiland, da war niemand. Und weil ich den … Aufprall nicht gehört hatte, dachte ich, das sei ein Traum oder eine Halluzination, weil ich ja am Abend ein bisschen viel getrunken hatte …“
Nun sah ich auch auf seinen Unterarmen Gänsehaut.
„Aber … aber wenn du die Frau kennst, dann kann sie keine Halluzination gewesen sein. Und kein Traum. Dann … muss ich das Ganze völlig neu einordnen.“ Er sah mir tief in die Augen. „Hugo, wenn ich je wieder ruhig schlafen soll, dann sag mir, wer sie ist, bitte …“
Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihm, wie sie mich schon zweimal beobachtet hatte. „Und jetzt wieder“, murmelte ich. „Ich weiß nicht, wer sie ist. Was will sie nur von mir?“
Wir mutmaßten noch eine Weile herum, dabei hatte ich längst einen konkreten Gedanken. War sie eine Dämonin? Eine Vampirin vielleicht sogar? Es konnte nämlich gut sein, dass sie sich im Sprung verwandelt hatte und davongeflogen war.
Die Angst breitete sich schleichend in mir aus. Hatten sie mich doch gefunden? Selbst am anderen Ende der Welt? Bisher war ich hier noch keinem Dämon begegnet, zumindest nicht wissentlich, aber es hätte an ein Wunder gegrenzt, wäre diese Gegend der Welt frei von schwarzblütigem Gezücht gewesen.
Ich fragte die chinesischen Diener nach ihr und alle Chinesen, die ich kannte, bekam aber keine Antwort. Mehr denn je vermisste ich Long Maak, der mir sicher Auskunft gegeben und sich nicht in diese Mauer des Schweigens eingereiht hätte. Denn es war völlig klar, dass zumindest einige der Chinesen wussten, von wem ich sprach. Ich sah es an ihren erschrockenen Gesichtern, wenn ich die Goldgewandete beschrieb. Einige Weiße erinnerten sich, die Chinesin ebenfalls gesehen zu haben, aber das half mir nicht weiter, denn diese Aussagen bezogen sich allesamt auf meine Verhandlung mit dem Hoppo.
Fünf Tage gingen ins Land, dann hatte ich die nächste Begegnung mit der Fremden. Es war kurz nach Mitternacht, als ich mit drei Matrosen aus dem „Roten Drachen“, einer verrufenen Hafenkneipe, kam. Ich sah sie sofort und blieb stehen, als sei ich gegen eine Wand gelaufen. Sie stand an einer Straßenecke höchstens zwanzig Meter entfernt und starrte mich an. Dieses Mal wollte ich es wissen und rannte auf sie zu. Blitzschnell drehte sie sich um und tauchte in die Finsternis der Gasse hinter ihr. Als ich dort ankam, sah ich sie nicht mehr. Stattdessen glaubte ich ein größeres Tier um die nächste Ecke huschen zu sehen. Wie eine Katze. Oder ein Hund.
Und jetzt wusste ich plötzlich auch, was mir die ganze Zeit so seltsam vorgekommen war: Die Frau bewegte sich so rasch, dass sie unmöglich Lilienfüße haben konnte. Zurückgebundene Füße als Schönheitsideal aber waren das Schicksal aller chinesischen Frauen aus den gehobenen Schichten. Darin würden auch hiesige Dämonen sicher keine Ausnahme machen. Und diese hier musste aus einer gehobenen Schicht stammen, wenn man ihre Kleidung und ihre stolze Haltung in Betracht zog. Ein Widerspruch, der sich allerdings auflöste, wenn die Unbekannte mehr zu sein vorgab, als sie war.
Als ich die Ecke erreichte, war da nichts mehr. Ich glaubte lediglich einen seltsamen Geruch wahrzunehmen, aber das konnte Einbildung sein in dieser allgegenwärtigen Wolke aus Sesamöl, mit dem hier alles gekocht wurde, Knoblauch, Dung, Rüben und diesem penetranten undefinierbaren Etwas, das Christian Kuiyt „den Geruch mottenzerfressener Jahrhunderte“ nannte, während Peter Wakehurst weniger diplomatisch von der „gelben Pestilenz, die einen kotzen lassen könnte“ sprach.


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