Mit dem vorliegenden Abenteuer verabschiedet sich DAS HAUS ZAMIS von euch. Zwar nicht für immer, aber für dieses Jahr. Der nächste Band erscheint erst im Juni 2021.
Grund genug, bevor nun der Vorhang für dieses Jahr fällt, euch das soeben frisch erschienene Buch „Tatkammers Sündenfall“ (DAS HAUS ZAMIS 61) noch einmal ans Herz zu legen und mit einer exklusiven Leseprobe vorzustellen:

Michael Zamis erwachte mit schrecklichen Kopfschmerzen, die einen intensiven Zauber erforderten, um wieder klar denken zu können. 

Er dauerte eine Weile, bis er sich an die Geschehnisse des letzten Abends erinnern konnte. 

Die leeren Flaschen waren weggeräumt, die Wände gesäubert. Jene Gestalten, die in den Bilderrahmen die Qual eines quasi-ewigen Lebens erdulden mussten, waren wieder erstarrt. 

Und in einem Stuhl, ihm gegenüber, saß ein Mann. Altmodisch gekleidet, mit Rüschenhemd und hervorquellendem Brusthaar, mächtigem Schnauzer und schulterlangem Haar. Die Rechte hielt er zwischen die Beine geklemmt. Er wirkte unendlich alt – und dennoch kräftig.

»Du siehst schlecht aus«, sagte der Mann und lächelte. 

»Basilius«, sagte Michael Zamis. Er fasste sich rasch. »Basilius Kupferhand. Mein treu ergebener Sklave.«

Der andere verzog das Gesicht. »Ich bin nicht dein Sklave. Ich mag derzeit in deinem Namen handeln – aber ich bin mir sicher, dass unsere … Geschäftsbeziehung rasch zu einem Ende kommt.«

»Ich habe dir nicht erlaubt, in die Villa Zamis zurückzukehren«, sagte Michael. »Erst dann, wenn du Thekla gefunden hast.«

»Und wenn ich sie entdeckt hätte? Würdest du mich dann aus deinen Diensten entlassen?«

»Ich kenne dich, Basilius. Du warst ein Verräter, du wirst immer einer sein. Einem wie dir kann man nicht vertrauen.«

Der uralte Dämon zeigte die bislang versteckt gehaltene Hand und gestikulierte unruhig damit. Sie war aus Kupfer gefertigt und namensgebend für den uralten Dämon. »Ich schwöre, dass ich dein Weib gefunden habe. Ich kann dich jederzeit zu ihr bringen.« 

»Erzähl mehr! Wo hast du sie gefunden? Wie geht es ihr?«

»Ich will, dass du mich aus deinem Bann entlässt. Jetzt gleich! Anschließend beantworte ich alle deine Fragen.«

»Warum machst du es uns beiden so schwer, Basilius?« Michael Zamis seufzte, konzentrierte sich und griff auf die magisch imprägnierte Kupferhand zu. Sie bewegte sich nach seinem Willen, flog hoch zur Decke – und riss den Dämonen mit sich. Basilius schrie, gleichermaßen aus Schmerz und aus Wut. Er klebte mit seiner Rechten an der Decke, die Beine zappelten wie wild.

»Sag mir gefälligst, wo du Thekla gefunden hast. Dann erspare ich uns beiden weitere Peinlichkeiten. Ein ehemaliger König, der an der Decke eines Hauses klebt, wirkt nicht sonderlich ehrfurchtgebietend.«

Michael erinnerte sich an die Vorgeschichte des Dämons. Basilius Kupferhand[1] war im zehnten Jahrhundert einem Ritual gefolgt und hatte sich dämonische Gaben angeeignet, um sein Ziel, die Herrschaft über das byzantinische Reich und dessen Kaiser Romanos I., zu erreichen. Er war gescheitert, weil er die schwarze Magie unterschätzt hatte. Er war von Romanos’ dämonischen Lakaien zum Sklaven seiner eigenen künstlichen Hand gemacht worden. 

Aus unerfindlichen Gründen hatte er die Jahrhunderte in einem Tiefschlaf überdauert, in irgendeiner Basilika in Istanbul, um vor wenigen Jahren von einem Sippenmitglied der Schwarzen Familie entdeckt und wiederbelebt zu werden. 

Michael Zamis hatte Basilius Kupferhand erworben, ihn irgendwo in den Gängen unterhalb der Villa Zamis abgelegt und vergessen. Bis er vor zehn Tagen unruhig durch die labyrinthischen Bereiche des Kellers gewandert war und ihn gefunden hatte. 

Wo war er bloß mit seinen Gedanken? Basilius hing immer noch an der Decke und jammerte.

Michael machte dem Treiben ein Ende und ließ den Dämon herunterfallen. Er stürzte auf seinen Stuhl zurück – und packte sich selbst mit der Kupferhand an der Gurgel. 

»Ich finde dich ja recht amüsant, Basilius. Aber wir beide sind keine Partner. Du bist mein Eigentum, solange ich es möchte. Es gibt für dich keinerlei Aussicht auf Freiheit. Haben wir uns verstanden? Ja? – Dann sag mir endlich, wo du Thekla gefunden hast.«

»Sie … plant eine Reise!«, ächzte Basilius kaum verständlich, während sich sein Gesicht allmählich rot färbte.

»Ist sie alleine oder in Begleitung?«

»All…eine.«

»Wie erfreulich. Und wo, bitteschön, ist der Ausgangspunkt ihrer Reise?«

»Sie fährt mit einem Schiff. Von … Casablanca aus.«

»Mit welchem Ziel?«

»Valencia. Sie wird an Bord der Abraxas eine Luxusreise antreten.«

Michael lockerte den Griff der Kupferhand, Basilius atmete tief durch und hustete schwer.

»Eine Schiffsreise. Zur Entspannung. Will sie sich etwa an anderen Gästen delektieren? – Ich kenne ihre Art. Wenn sie möchte, kann sie derart viel Unfrieden stiften, dass eine Hundertschaft an Menschen übereinander herfällt und sich gegenseitig zerfleischt. Bei Asmodi! Was ist das bloß für ein tolles Weib.«

»Es ist … nicht ganz so«, krächzte Basilius. »Thekla nimmt an einer Kreuzfahrt teil, die von dämonischen Gästen und Menschen gleichermaßen gebucht wurde.«

»Um sich einen neuen Liebhaber zu angeln!« Michael sprang hoch, ging unruhig auf und ab und zwang währenddessen Basilius dazu, sich selbst kräftige Fausthiebe zu verpassen. »Sie hat mich völlig vergessen oder verdrängt.«

Er fand seine Fassung, setzte sich und erlöste Basilius. Beide Augen des Dämons waren gerötet, die Wangen von den Schlägen mit der metallenen Hand aufgeschlitzt. Er blutete stark und erinnerte Michael Zamis daran, dass er noch nicht gefrühstückt hatte.

»Ich will selbst das geringste Detail über diese Reise wissen, Basilius. Sag mir alles, was du weißt. Ohne weitere Umschweife. Benimm dich gut, dann behandle ich dich gut.« Er lachte kurz auf. »Na schön, vielleicht auch nicht.«   

So weit der Auszug aus dem Teilband „Abraxas“, in dem uns Michael Marcus Thurner auf ein dämonisches Schiff namens Abraxas entführt.

Mit schwarzen Grüßen
Uwe



[1] Historische Gestalt. Basileios Chalkocheir