Im Moment stecken wir mitten in den Rauhnächten, die sich vom 25. Dezember des alten Jahres bis zum 6. Januar des neuen Jahre erstrecken. Alten Geschichten zufolge soll in dieser Zeit ein Geisterzug durch die Lande reiten, angeführt von – je nachdem, wen man fragt – Odin oder auch Frau Holle oder Herne dem Jäger. Letztes Jahr hat Teamautorin Catherine Parker eine Kurzgeschichte über diese Zeit geschrieben – speziell über die dazu gehörenden schottischen Traditionen. Diese Geschichte findet ihr in der Anthologie "Unheilige Nacht". Nun allerdings könnt ihr sie auch hier lesen.

 

„Hogmanay“

von Catherine Parker

 

Dorian Hunter stand am offenen Fenster und rauchte. Es war die dritte Nacht in Folge, in der er kaum Schlaf fand. Inzwischen half auch der Bourbon nicht mehr.

Noch mehr als die Alpträume, die ihn gelegentlich heimsuchten, hasste Dorian den alljährlichen Vorweihnachtstrubel. In diesem Ausnahmezustand fand er London unerträglich. Von überallher strömten Touristenmassen in die Stadt, um den riesigen Weihnachtsbaum am Trafalgar Square zu bewundern, das traditionelle Geschenk Norwegens an Großbritannien, oder das blinkende Winter Wonderland im Hyde Park zu bestaunen. Die Regent Street war bereits seit November festlich beleuchtet, bei Harrods nahm die Christmas World eine komplette Etage ein, und der Kirchenchor von St. Martin in the Fields trällerte Weihnachtslieder. Es war nicht auszuhalten.

Vielleicht sollte ich London für eine Weile verlassen.

Dorian rieb sich die Schläfen. Die hämmernden Kopfschmerzen verdankte er seiner Müdigkeit. Zweifellos war es höchste Zeit, sich für ein paar Tage auszuklinken. Die letzten Monate war er ununterbrochen im Einsatz gewesen. Das Dämonenkiller-Team hatte mehrere erbitterte Kämpfe gegen die Mächte der Finsternis ausgefochten, auch innerhalb des Teams hatte es einige heftige Auseinandersetzungen gegeben.

Ich habe mir eine Auszeit wahrlich verdient.

Dorian inhalierte ein letztes Mal, dann drückte er die Players entschlossen auf der Fensterbank aus. Ein winziger Aschefunken stob empor und erlosch. Der weitläufige Garten des Anwesens in der Baring Road lag wieder im Dunkeln. Hier blinkte und glitzerte es nirgends, das hatte Dorian sich strikt verbeten. Keine Lichterketten in den Büschen, kein Santa Claus mit Plastikschlitten auf dem Rasen. Nichts außer den Schatten der alten Bäume …

Als er das leise Klopfen an der Tür vernahm, wandte er den Kopf. „Komm rein, Archer.“

Der rotblonde Privatdetektiv schob sich ins Zimmer. „Kannst du hellsehen?“

„Nicht weiter schwer. Wer außer dir würde es wagen, mich um diese Zeit zu stören?“

„Hm.“ Fred Archer überlegte. „Morales? Falls wir angegriffen werden oder so?“

„Morales?“ Dorian hob die Brauen. „Klar. Der würde aber beim Reinstürmen die Tür aus den Angeln reißen und bestimmt nicht vorher anklopfen.“

„Stimmt.“ Archer grinste.

Dorian auch. Im Moment machten sie sich um einen Angriff keine Sorgen. Längst hatte sich in Dämonenkreisen herumgesprochen, dass die Jugendstilvilla in der Baring Road bestens gesichert war. Die Schwarze Familie wusste, dass sich das Hauptquartier des Dämonenkillerteams hier befand, und Unbefugte versuchten meist nur einmal, die magischen Barrieren zu überwinden.

„Alles okay?“ Archer musterte ihn forschend. „Du siehst ziemlich fertig aus.“

„Erzähl mir was Neues.“

„Tja, dann ...“ Zögernd streckte Archer ihm einen Ausdruck hin. „Ich dachte, das könnte dich interessieren. Ich bin zufällig im Internet darauf gestoßen, als ich wegen einer anderen Sache recherchiert habe. Der Artikel ist schon ein paar Monate alt.“

„Darkpool?“ Schon beim Ortsnamen in der Überschrift sträubten sich Dorians Nackenhaare. Ein warnendes Kribbeln überzog seine Haut.

Wie lange hatte er nicht mehr an das Dorf gedacht? Lilian, seine Frau, stammte aus jener Gegend und war auch in Darkpool begraben. Die Ereignisse in Schottland lagen eine Ewigkeit zurück, doch die unerwartete Erinnerung versetzte Dorian einen schmerzhaften Stich. Hastig überflog er den Artikel.

Gleich darauf war er sicher, dass Archer da auf etwas Ungewöhnliches gestoßen war. „Mehrere Morde an jungen Frauen über Jahre hinweg? Immer zu Hogmanay?“ Die schottische Tradition, den Silvesterabend zu feiern, war Dorian nicht unbekannt. Auch wenn in Darkpool sicher keine großen Fackelumzüge oder ähnliche Events stattfanden.

„Ja, die Toten wurden meist am Neujahrsmorgen gefunden. Am selben Ort.“

„Spricht für eine Art Ritual.“

„Sehe ich auch so“, sagte Archer. „Die Einheimischen meiden die Stelle im Wald inzwischen. Es heißt, die Lichtung sei verflucht. Eine Todesfee gehe dort um. In kalten Winternächten hört man sie angeblich heulen.“

Dorian runzelte die Stirn. „Wenn es die Opfer nicht gäbe, würde ich das glatt für Kinderkram halten. Aber so? Das kann kein Zufall sein. Irgendetwas geht dort oben vor.“ Er faltete das Blatt zusammen und steckte es ein. „Ich denke, ich fahre hin und mache mir ein eigenes Bild von der Sache.“

„Was, jetzt?“, fragte Archer verblüfft, als Hunter den Schrank öffnete und eine Reisetasche zu füllen begann. „Übermorgen ist Weihnachten.“

„Ich wüsste keinen besseren Zeitpunkt“, knurrte Dorian.

 

Noch bevor der Morgen graute, fuhr er auf der A1 Richtung Norden. Der Wagen glitt nahezu geräuschlos über den feucht schimmernden Asphalt. Um wachzubleiben, hätte Dorian gern das Radio angeschaltet, aber jeder Sender schien ihn mit Last Christmas foltern zu wollen. So behalf er sich mit Zigaretten und Kaffee aus dem Thermobecher.

Die Grenze nach Schottland zu überqueren, fühlte sich merkwürdig an. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Die Wolken hingen so tief über dem Land, dass sie es fast verdeckten. Irgendwann setzte Nieselregen ein, der in Graupelschauer überging, sobald Dorian die ersten Ausläufer der Highlands erreichte.

Nachmittags erfasste ihn eine bleierne Müdigkeit. Aber so kurz vor dem Ziel wollte er keine längere Rast mehr einlegen. Er stoppte lediglich, um noch einmal vollzutanken, ehe er die letzten fünfzig Meilen auf der A9 in Angriff nahm.

In der Dämmerung fuhr er auf einer einspurigen Landstraße weiter. Nun war es nicht mehr weit bis Darkpool. Die gottverlassene Hügellandschaft wirkte abweisend und unwirtlich. Auch der Wind hatte spürbar aufgefrischt und fauchte Schneekristalle über die Windschutzscheibe. Hier oben war es deutlich kälter als in London.

Dorian fröstelte, als er vor dem Dark Inn, dem einzigen Pub Darkpools, aus dem Wagen stieg. Eine trübe Laterne baumelte über dem Eingang, die Buntglasfenster starrten vor Dreck. Sonderlich einladend sah der Gasthof nicht aus. Leider vermietete der Wirt auch keine Zimmer mehr.

„Wozu?“, brummte er, während er mit einem schmierigen Tuch ein Glas auswischte. Er zapfte das bestellte Bier und knallte es vor Dorian hin. „Meine Frau hat sich früher drum gekümmert, aber seit sie krank ist, lass ich‘s. Hierher verirren sich eh nie Besucher.“

„Tja, jetzt doch. Ich suche nämlich eine Unterkunft.“

Der Wirt blinzelte misstrauisch. „Bald ist Weihnachten.“

„Ist mir bekannt.“

Sie maßen sich mit finsteren Blicken – ein stummes Duell ohne Sieger, bis Dorian einlenkte. „Okay, ich gebe es zu, ich bin aus einem bestimmten Grund hier.“ Er legte den zerknitterten Artikel auf dem Tresen. „Ich will mehr über die Mordserie herausfinden. Beinahe jedes Jahr zu Hogmanay eine tote junge Frau. Ist doch äußerst ungewöhnlich, oder?“

„Was sind Sie, ein Schnüffler?“

„Journalist“, behauptete Dorian.

Es war nicht mal wirklich eine Lüge. Früher war er Reporter gewesen – damals, als er noch blind durch die Welt gestiefelt war, ohne etwas von Dämonen oder den zahlreichen Ausgeburten der Hölle zu ahnen, die seitdem seinen Weg gekreuzt hatten. Die reale Welt war ein Trugbild, eine Täuschung. Nichts war so, wie es schien. Aber das konnte er dem bärtigen Kerl schlecht erzählen. Der würde ihm ohnehin kein Wort glauben.

„Versuchen Sie‘s bei Kendra“, brummte der Wirt. „Sie besitzt ein Cottage unweit des Moors, das sie im Sommer manchmal an Wanderer vermietet.“

 

Kendra erwies sich als überraschend attraktive Rothaarige, die am Dorfrand wohnte, und ihm nach kurzem Feilschen um den Preis den Schlüssel für ihr Glen Cottage überreichte. Dazu packte sie ihm noch etwas Proviant ein. „Feuer machen müssen Sie selbst, und sehr komfortabel ist es nicht“, warnte sie ihn.

Dankend nahm Dorian die Vorräte entgegen. „Das ist mir egal. Hauptsache, ich habe meine Ruhe.“

„Die kann ich Ihnen versprechen.“ Sie lächelte ihn an. „Dort draußen wird Sie niemand stören. Sie werden höchstens ein paar Schafe antreffen. Oder Wildkaninchen. Sind Sie Jäger, Mr Hunter?“

Ihre Augen waren tiefgrün, und das interessierte Funkeln darin entging Dorian keineswegs. Aber er dachte nicht daran, ihr zu verraten, dass er normalerweise keine Kleintiere, sondern Dämonen jagte. Überhaupt war ein Flirt das Letzte, wonach ihm gerade der Sinn stand. Essen und Schlafen – mehr wollte er heute nicht mehr.

„Ich komme bald vorbei und schaue nach, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist, ja?“, rief Kendra ihm hinterher.

Er winkte zum Zeichen, dass er ihre Worte gehört hatte. Nein, er hatte gewiss nichts dagegen, sie wiederzusehen.

Ihre Wegbeschreibung war perfekt, er fand das abgelegene Feriencottage auf Anhieb, obwohl es mittlerweile stockdunkel war.

In der Nacht schlief er zum ersten Mal seit Langem traumlos und tief.

Erst am nächsten Morgen sah er sich ausführlich um. Nicht sehr komfortabel war glatt untertrieben. Das Cottage war winzig. Die Wände krumm und schief, und die Möbel konnte er an einer Hand abzählen. Der Steinboden fühlte sich eiskalt an, als Dorian zum Herd stapfte – natürlich war das Feuer über Nacht ausgegangen.

Dennoch fühlte er sich verdammt gut. Energiegeladen.

Gleich nach dem kargen Frühstück brach er auf, um sich den verrufenen Wald anzusehen. Der Himmel präsentierte sich verhangen, aber die Luft war erfrischend klar. Dorian atmete tief durch. Ein schmaler Pfad führte durch das Moor. Geheimnisvolle Stille herrschte, nur der Wind pfiff über die weite Hochebene.

Der Wald entpuppte sich eher als Wäldchen.

Verkrüppelte Bäume duckten sich unter grauen Wolken zusammen, als wollten sie ihm den Zutritt verwehren. Dorian spürte, wie sich mit jedem Schritt die Atmosphäre veränderte. Eine düstere Aura umgab den Ort. Je näher er der Lichtung kam, umso unbehaglicher fühlte er sich.

Dorian ging langsamer und griff nach dem Amulett in seiner Tasche. Es blieb kühl, erwärmte sich nicht. Kein Anzeichen, dass hier eine Kreatur des Bösen auf ihn lauerte.

Er wusste, dass sich viele Legenden der Highlands um machtvolle Orte rankten. Die Menschen glaubten an die alten Mythen, an Feen, Hexen oder Geister, an Weissagungen und Bannflüche. Hogmanay war eine besondere unter den Rauhnächten. Sie verband die letzten Stunden des alten mit den ersten Stunden des neuen Jahres, sie kennzeichnete einen Übergang. Waren die Opfer deshalb hier draußen gewesen?

Aber wer hat auf sie gewartet? Was hat sie getötet und warum?

„Ich werde es herausfinden“, murmelte Dorian.

Es klang, als legte er einen Schwur ab. Wie zur Antwort gellte ein schrilles Kreischen an sein Ohr. Er fuhr herum. Aus dem Nichts schoss eine riesige Eule auf ihn zu. Zu spät erkannte Dorian, dass das Tier nicht allein war.

„Was zur Hölle …?“

Eine Gestalt im schwarzen Umhang griff nach ihm. Scharfe Krallenhände zerfetzten die Jacke über seiner Brust. Gleichzeitig ritzte ihm etwas über das Gesicht. Glühender Schmerz durchfuhr ihn.

„Verdammt!“ Instinktiv wich Dorian nach hinten aus.

Fluchend wehrte er die Eule ab, stolperte dabei über eine Wurzel und kam beinahe zu Fall. Trotzdem gelang es ihm, seine Waffe zu ziehen. Sie war mit Silberkugeln geladen, der sichersten Munition für solche Begegnungen.

Warm tropfte ihm das Blut vom Kinn, rann in seinen Kragen. Er drückte ab und schoss vorbei, weil die verfluchte Eule ihn weiter attackierte. Das langgezogene Heulen der schwarzen Gestalt klang wie ein Triumphschrei. Er glaubte, seine Trommelfelle würden davon platzen.

„Hau ab, du Drecksbiest!“ Wieder drückte er ab. Federn wirbelten vor seinen Augen.

Etwas schlug hart gegen seinen Kopf – die schwarze Gestalt hielt mit ihrer Krallenhand einen bemoosten Stein umklammert. Strähniges, weißes Haar quoll unter der Kapuze hervor. Dorian erhaschte einen Blick auf totenbleiche Haut und blutleere Lippen. Ein weibliches Antlitz, in wildem Zorn verzerrt. Existierte die Todesfee also wirklich?

Ihr schriller Schrei traf ihn erneut.

Sein Gehirn schien zu explodieren. Es war, als platzten sämtliche Gefäße in seinem Körper. Die Waffe entglitt seinen schmerzverkrampften Fingern. Dorian begriff, dass er fliehen musste. Weg aus der Reichweite ihrer Stimme. Sofort!

Er presste die Hände auf die Ohren und rannte von der Lichtung. Ihr Ruf hielt an, folgte ihm bis zum Waldrand. Eine unüberhörbare Warnung, ihr Revier nicht wieder zu betreten.

Da kennst du mich aber schlecht.

Dorian war kein Typ für Niederlagen. Selbstverständlich würde er zurückkehren – besser gewappnet – und herausfinden, was hier vor sich ging.

Schwer atmend spuckte er aus und ballte die Fäuste. „Der Kampf ist noch nicht vorbei“, schwor er. „Ich komme wieder.“

Dennoch war er froh, als er unbehelligt Glen Cottage erreichte.

 

„Du meine Güte, was ist denn mit Ihnen passiert?“ Kendra schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Sie war nur vorbeigekommen, um kurz nach dem Rechten zu sehen und Dorian fröhliche Weihnachten zu wünschen.

„Das sind nur ein paar Kratzer“, knurrte er.

„Blödsinn! Ihr Gesicht sieht aus, als hätten Sie gegen einen Bären gekämpft.“ Energisch schob sie ihn ins Haus. „Keine Widerrede, lassen Sie mich das verarzten.“

Sie zauberte einen kleinen Tiegel aus dem Küchenschrank und versorgte seine Wunden, obwohl er vehement protestierte. Andererseits musste er zugeben, dass ihre Nähe sich nicht unangenehm anfühlte. Ihre Finger strichen sanft, fast betörend über seine verletzte Haut. Außerdem mochte er ihren Duft. Kendra roch nach kalter Winterluft und süßem Teig. Shortbread?

„Erraten.“ Sie lächelte. „Selbst gebacken, magst du ein Stück? Ich mache uns Tee. Oder willst du lieber was anderes?“ Sie legte die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn.

Dorian wurde es plötzlich sehr warm. „Also, ich …“

„Was Kräftigeres? Im Schrank steht noch eine Flasche Single Malt.“ Sie rutschte von seinem Schoß. „Ich hol dir ein Glas.“

„Danke.“ Er atmete erleichtert aus.

Das alles ging ihm zu schnell. Selbst wenn sie wie ein harmloses Kätzchen schnurrte, spürte er, dass sich unter ihrer verführerischen Oberfläche eine Wildkatze verbarg. Er angelte nach seiner Schachtel Players und zündete sich eine Zigarette an.

Kendra goss ihm Whisky ein. „Du musst mir nichts erzählen“, sagte sie. „Ich weiß, dass du die Cailleach-Oidhche getroffen hast.“

„Die …? Wen?“

„Die Verschleierte mit der Eule. Sie ist gefährlich. Geh nicht mehr in den Wald.“ Sie musterte ihn nachdenklich. „Was hattest du dort überhaupt zu suchen?“

Er antwortete einsilbig. Seine Erfahrungen mit schönen Frauen hatten ihm bewiesen, dass man ihnen in den seltensten Fällen trauen konnte. Er wusste zu wenig über Kendra.

Immerhin entlockte er ihr einige Informationen darüber, was die bisherigen Opfer in den Wald geführt hatte.

„Die Lichtung ist ein magischer Ort“, berichtete sie. „So etwas wie ein Kreuzweg, verstehst du? Seit Jahrhunderten ziehen die Menschen aus Darkpool und der Umgebung in den Rauhnächten dorthin, um Botschaften aus der Anderswelt zu erhalten. Mit den Visionen lässt sich die Zukunft deuten. Wir Highlander haben einen besonderen Sinn dafür.“

„Hm.“ Dorian wusste nicht recht, was er davon halten sollte.

„Warum so skeptisch?“ Kendra nippte an ihrem Tee. Ihre grünen Augen funkelten im Schein des Herdfeuers. „Hier in der Gegend gibt es vor allem den Brauch, dass junge Frauen zu Hogmanay, also in der Silvesternacht, dort ihren zukünftigen Ehemann erblicken können. Früher war der Brauch sehr beliebt. Viele Mädchen sind in den Wald gegangen. Damals, vor den Morden. Heute wagt es fast keine mehr.“

„Abgesehen von denen, die dabei umgekommen sind“, sagte Dorian. „Sie haben sich also dorthin begeben, um zu erfahren, wen sie heiraten werden?“

„Ja, der zukünftige Ehemann erscheint nach Mitternacht als Geist auf der Lichtung, wenn man darum bittet, ihn sehen zu dürfen. Er geht dann schweigend vorüber.“ Kendras Blick verdüsterte sich. „Man darf ihn aber auf keinen Fall ansprechen oder beim Namen nennen! Sonst stirbt der Betreffende.“

„Typischer Aberglaube“, urteilte Dorian.

„Ach ja?“ Ihre Wangen glühten, so aufgebracht war sie. „Das sagst ausgerechnet du, nachdem du der Cailleach-Oidhche persönlich begegnet bist?“

Er presste die Lippen zusammen und schwieg.

Sie hatte ja keine Ahnung, welchen Kreaturen er in seinem Leben als Dämonenkiller bereits gegenübergestanden hatte. Er wusste um unzählige Dinge zwischen Himmel und Erde, die sie gewiss nicht glauben würde, aber er dachte nicht daran, sie einzuweihen. Manche Wahrheiten blieben besser im Verborgenen.

„Es wird bald dunkel“, sagte Kendra. Sie beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die verletzte Wange. Ihre Stimmungen wechselten rascher als das Wetter. „Wenn du darauf bestehst, dass du den Weihnachtsabend allein verbringen willst, sollte ich mich allmählich auf den Heimweg machen.“

Dorian zögerte. Weihnachten war ihm vollkommen egal. Die Aussicht, sich näher mit Kendra zu beschäftigen, war dagegen äußerst verlockend. Bedächtig schüttelte er den Kopf.

„Nein“, sagte er. „Ich bestehe nicht darauf, heute Abend allein zu sein.“

„Das trifft sich gut.“ Kendra lächelte. „Ich auch nicht …“

 

Wenige Tage später saß Dorian im Dark Inn und versuchte, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Dörfler waren Fremden gegenüber wenig aufgeschlossen, daher hatte er sich entschieden, mit offenen Karten zu spielen. Seit er Darkpool betreten hatte, holten ihn die Erinnerungen an seine Frau sowieso ständig ein, also spielte es keine Rolle, ob er Lilian im Pub erwähnte oder nicht.

„Was? Sie sind der Kerl, den Lilian McCoy damals geheiratet hat?“ Der Wirt schlug ihm kräftig auf die Schulter. „Warum sagen Sie das denn nicht gleich, Mann? Die McCoys haben lange hier gelebt. Die kleine Lilian war ein hübsches Ding, ich erinnere mich gut an sie.“

„Blond und zierlich wie ein Püppchen“, stimmte ein älterer Kerl zu. „Hat mir leidgetan, dass sie so früh gestorben ist.“

Doch Dorian wollte nicht über Lilians Tod reden. Es gab zu viele Geheimnisse, die er lieber für sich behielt – zum Beispiel, dass seine Ehe längst gescheitert war, als Lilian starb, weil Dämonen sie um den Verstand gebracht hatten. Manchmal wünschte er sich noch heute, ihr wäre ein anderes Leben vergönnt gewesen. Eines ohne ihn. Vermutlich wäre sie dann glücklicher geworden.

„Tja, hat ihr nix genützt, dass sie weggezogen ist“, brabbelte der Alte weiter. „Darkpool ist ein verfluchtes Nest. Gerade die jungen Dinger erwischt es oft.“ Er rollte vielsagend mit den Augen. „Sollten sich eben nicht im Wald rumtreiben, wenn die Wilde Jagd los ist …“

„Unfug“, widersprach der Wirt. „Die Wilde Jagd hat mit den Morden nichts zu tun.“

„Wer dann?“ Der Alte lachte meckernd. „Glaubst du etwa, Gentle Annie geht zu Hogmanay dort um?“ Er schob sein leeres Glas über die Theke und wandte sich zur Tür. „Ich muss los, Ian.“

„Ja, geh nur.“ Der Wirt sah Dorian an. „Was ist mit Ihnen? Noch ein Pint?“

„Gern.“

„Wie läuft‘s mit Kendra?“ Er feixte. „Haben Sie ihr die Blessuren zu verdanken?“

„Nein, das war … ein Unfall.“

„So, so.“ Ians Pranke klatschte das neu gefüllte Glas vor Dorian auf die Theke. „Sehen Sie sich lieber vor. Wer auch immer hier Leute umbringt, er hat’s nicht nur auf junge Frauen abgesehen. Der allererste Tote war nämlich ein Mann.“

Dorian horchte auf. Das war ihm neu. „Tatsächlich?“

„Gavin, mein Neffe“, sagte Ian grimmig. „Mit ihm fing damals alles an. Gavin war der Erste, der dort draußen im Wald umkam. In der Nacht von Hogmanay.“

„Gavin.“ Irgendetwas klingelte bei Dorian. Hatte Lilian den Namen einmal erwähnt?

„Sie muss ihn gekannt haben“, bestätigte der Wirt auf Nachfrage. „Er war höchstens zwei, drei Jahre älter als Lilian. Ist hier aufgewachsen. Ein verflixt gutaussehender Bursche. Alle mochten Gavin, er war sehr beliebt im Dorf. Vor allem bei den Mädchen.“ Verbissen polierte er an einem Glas herum. Ohne Erfolg. Der fleckige Lappen machte es nur noch schmutziger.

„Was ist ihm zugestoßen?“

„Niemand weiß es“, sagte der Wirt. „Er war auf einer Feier. Bei Freunden. Angeblich ist er um Mitternacht verschwunden. Niemand hat ihn weggehen sehen. Er hat auch niemandem gesagt, wo er hinwollte. Aber am nächsten Morgen hat Kendra ihn auf der Lichtung gefunden. Da war er seit Stunden tot.“ Er schnaubte. „Kein Mensch weiß, was Gavin dort draußen gesucht hat. Ob er mit jemandem verabredet war. Er lag einfach tot im Schnee.“

„Seltsame Geschichte.“

„Sie sagen es.“ Ian warf den nutzlosen Lappen beiseite. „Aber das war erst der Anfang. Seitdem sterben fast jedes Jahr zu Hogmanay junge Frauen an derselben Stelle …“

Dorian forschte fieberhaft in seinem Gedächtnis. Gavin war offenbar zu Beginn jenes Jahres gestorben, in dem Lilian und er geheiratet hatten.

War sie damals über die Feiertage hier bei Verwandten gewesen? Er erinnerte sich, dass sie überstürzt aus Darkpool zurückgekehrt war. Völlig panisch hatte sie ihm berichtet, dass etwas Furchtbares geschehen war. Jemand, den sie gekannt hatte, war gestorben. Das musste Gavin gewesen sein. Dorian stützte den Kopf in die Hände. Wenn das Ganze nur nicht so lange zurückliegen würde …

„Ich nehme an, Gavin war nicht krank?“

„Nein, absolut nicht.“

„Hatte er irgendwelche Verletzungen?“

„Nein.“

„Gar keine?“ Dorian stutzte. „Auch keine … Kratzspuren, wie die späteren Opfer sie jeweils aufwiesen?“ So stand es zumindest in dem Zeitungsartikel, den Archer ausgegraben hatte. „Oder vielleicht … Bisse? Irgendeine Art von Blutverlust?“

„Nein, nichts davon.“ Ian schüttelte den Kopf. „Er war einfach nur tot. Und stocksteif gefroren, weil es in jener Nacht so fürchterlich kalt war.“

Tief in Gedanken versunken, machte Dorian sich später auf den Weg zum Glen Cottage. Der blasse Vollmond hüllte die Highlands in fahles Licht. Nebelfetzen hingen über dem Moor. Ein beständiges Flüstern und Wispern durchdrang die Nacht.

Dorian fühlte sich unbehaglich. Als würde er heimlich beobachtet. Von einem Wesen, das ihm alles andere als freundlich gesonnen war.

Die Furie aus dem Wald?

Vielleicht war es keine so gute Idee gewesen, allein den Dorfpub aufzusuchen, um mehr über die unheimliche Mordserie herauszufinden. Vielleicht hätte er Kendra intensiver befragen sollen. Aber eine innere Stimme hielt Dorian stets zurück, wenn er mit ihr zusammen war. Neben ihrer überwältigenden Leidenschaft, die er durchaus zu schätzen wusste, strahlte sie etwas Dunkles, Unbezähmbares aus. Sie war in Darkpool verwurzelt und jetzt, da er wusste, dass sie das erste Opfer gefunden hatte, fragte er sich, wie sehr sie in das Geschehen verstrickt war.

Was geht in den Rauhnächten auf dieser Lichtung vor? Warum hat Kendra nicht erwähnt, dass sie es war, die Gavins Leiche gefunden hat? Damals, als alles anfing …

Beharrlich stapfte Dorian über die einsamen Hügel. Er ignorierte die Schatten, die nach ihm zu greifen schienen, und auch der eisige Wind zwang ihn nicht nieder. Im Gegenteil. Je lauter der gefrorene Boden unter seinen Schritten knirschte, umso fester trat Dorian auf.

Er würde den Elementen ebenso trotzig die Stirn bieten wie der todbringenden Cailleach-Oidhche.

 

In den folgenden Tagen recherchierte Dorian weiter im Dorf. Nur wenige der Einheimischen beantworteten seine Fragen, die meisten wichen ihm aus, manche weigerten sich sogar ganz, mit ihm zu reden. Die Angst ging um in Darkpool.

„Über der Waldlichtung liegt ein Fluch“, hieß es häufig.

Ansonsten erfuhr Dorian wenig Neues. Das Ganze frustrierte ihn zunehmend. Immerhin heilten die Wunden in seinem Gesicht schnell, die verschorften Kratzer waren kaum noch zu sehen. Den langen Riss in seiner Jacke hatte Kendra genäht.

Und sie hatte ihm vorgeschlagen, den Silvesterabend mit ihr zu verbringen. Dorian wusste, dass sie mutig genug war, um ihn in den Wald zu begleiten. Wenn er das Rätsel um die Rauhnachtmorde nicht vorher lösen konnte, würde er um Mitternacht dort sein. In diesem Jahr würde dort keine unschuldige junge Frau sterben. Nicht, wenn er es verhindern konnte.

Doch zuvor hatte er sich noch vorgenommen, Lilians Grab zu besuchen.

Am 31. Dezember begann es bereits am Morgen heftig zu schneien. Der Himmel war bleigrau, und die Flocken fielen dicht und schwer zu Boden.

„Für den Abend ist ein Sturm vorhergesagt. Vielleicht werden wir eingeschneit“, gurrte Kendra in Dorians Ohr. „Na, würde dir das gefallen? Feiern wir Hogmanay im Bett?“

„Ich weiß nicht.“ Er schob sie von sich. „Ich muss noch was erledigen.“

„Bleib nicht zu lange weg“, rief sie ihm nach.

Mit dem Friedhof von Darkpool verband Dorian unschöne Erinnerungen. Er rauchte fast eine halbe Packung Players, ehe er sich überwinden konnte, das Tor zu öffnen. Unwillkürlich zuckte er zusammen, als das rostige Ding laut quietschte.

Dann entspannte er sich wieder.

Der Dämon, der einst hier gehaust hatte, war vor langer Zeit besiegt worden. Den Herrn der Toten gab es nicht mehr und auch keine verfluchte Flötenmusik.

Dorian hielt Ausschau nach dem Familiengrab der McCoys. Irgendwo hier musste es sein. Als er es fand und Lilians Namen las, spürte er ein Brennen in der Brust. Die Vergangenheit schmerzte immer noch.

Lilian wäre ohne mich so viel besser dran gewesen.

„Es tut mir leid“, flüsterte er rau und berührte mit der Hand den eiskalten Stein. „Es tut mir leid, dass ich die Dämonen in dein Leben gebracht habe und …“

„He, Sie da! Wer sind Sie?“ Die Stimme einer alten Frau schreckte ihn auf. „Ich habe Sie noch nie hier gesehen. Sie gehören nicht nach Darkpool.“

„Nein.“ Mühsam erhob er sich und klopfte sich den Schneematsch ab. Eigentlich verspürte er keine große Lust, sich bohrenden Fragen auszusetzen, andererseits wollte er auch keinen Ärger. Also stellte er sich vor und erklärte, wer er war.

Die alte Frau reichte ihm gerade mal bis zum Ellenbogen. Sie trug einen schäbigen Mantel und stützte sich auf einen Stock. Flink huschte ihr scharfer Blick über sein Gesicht, dann erhellte ein Strahlen ihre verhutzelten Züge. „Mr Hunter? Natürlich, ich erinnere mich! Der Fremde, den Lilian geheiratet hat. Dabei hatte Gavin sich solche Hoffnungen auf sie gemacht.“

Dorian erstarrte. „Was?“

„Wussten Sie das nicht?“ Sie betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf. Ihm fiel auf, wie klug ihre Augen wirkten. Die Frau ließ sich trotz ihrer Gebrechlichkeit nichts vormachen.

„Nein“, gab er zu.

„Tja, so war es aber“, sagte sie. „Gavin interessierte sich für das einzige Mädchen, das ihm nicht nachlief. Er war ein Herzensbrecher. Er hätte jede haben können, auch meine Mhairi, aber Gavin wollte nur Lilian.“ Ihre Stimme wurde leiser, als sie fortfuhr. „Aber dann kam alles ganz anders. Lilian ging fort, Gavin starb und im Jahr darauf Mhairi. Und seitdem geht es immer und immer weiter mit dem Morden an Hogmanay …“

„Mhairi?“, erkundigte Dorian sich behutsam.

Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Meine Enkelin. Sie liegt gleich da drüben. Ich besuche sie jeden Tag. Manchmal komme ich auch hierher zu Lilians Grab. Die beiden waren gleich alt, wissen Sie? Freundinnen.“

In Dorians Kopf überschlugen sich die Gedanken. Eine Freundin? Er wusste wenig über Lilians Kindheit, sie hatte selten darüber gesprochen. Aber das alles musste irgendwie zusammenhängen – Gavin, Lilian, Mhairi, die Rauhnachtmorde und der seltsame Silvesterbrauch auf der Lichtung, von dem Kendra ihm erzählt hatte.

„Ist Mhairi auch draußen im Wald gestorben?“

„Ja.“ Die alte Frau nickte traurig. „Ich habe versucht, es ihr auszureden. Aber sie war so verliebt und wollte unbedingt wissen, ob Davey nun der Richtige war. Der, den sie heiraten würde.“ Sie klopfte mit ihrem Stock auf den Schnee. „Mhairi hat mir erzählt, Lilian hätte es auch versucht. Im Jahr zuvor. Zu Hogmanay, als Gavin starb. Wissen Sie, was ich glaube?“

Sie hob den Stock und richtete ihn anklagend auf Dorian. „Ich glaube, dass Lilian wirklich dort war in jener Schicksalsnacht. Sie war dort, weil sie wissen wollte, wer ihr Ehemann sein würde. Doch als sie Gavin erkannte, machte sie einen schweren Fehler. Vielleicht sprach sie ihn an, vielleicht rief sie seinen Namen. Darum starb er.“

„Warum hätte Lilian das tun sollen?“, rätselte Dorian.

„Weil Gavin nicht der Mann war, den sie sich erhofft hatte?“

„Aber so war Lilian nicht“, widersprach er. „Ich meine, sie war nicht bösartig. Sie war sogar alles andere als das.“

Mhairis Großmutter seufzte tief. „Vielleicht war es ja gar keine Absicht. Vielleicht hat sie nur falsch reagiert, die Konsequenzen ihres Tuns nicht bedacht. Aber ich bin sicher, dass Lilian an Gavins Tod die Schuld trägt.“

Dorian war nicht überzeugt. „Das erklärt noch lange nicht, was mit Mhairi und den weiteren Opfern passiert ist. Die Morde hören seither nicht auf.“

„Die Todesfee rächt sich“, flüsterte die Alte. „Das ist der Grund. Die Cailleach-Oidhche hatte selbst ein Auge auf Gavin geworfen. Er war so stark, so voller Leben. Die Todesfee wollte ihn für sich haben. Sie kann nicht verwinden, dass sie ihn verloren hat – durch die Unachtsamkeit eines dummen Mädchens. Weil sie die Schuldige damals nicht fand, rächt sie sich seitdem an allen, die es wagen, in der Nacht von Hogmanay die Lichtung zu betreten.“

Dorian schüttelte ungläubig den Kopf. „Aber ...“

Mhairis Großmutter ließ keine Zweifel gelten. „Ich weiß, dass ich Recht habe.“

Sie wandte sich zum Gehen und nickte ihm zum Abschied ernst zu. „Ich kann Sie nur warnen, Mr Hunter. Hören Sie auf mich: Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, gehen Sie heute Nacht nicht in den Wald. Sobald die Verschleierte begreift, wer Sie sind, wird sie keine Gnade kennen …“

Die Worte der alten Frau hallten noch in ihm nach, als sie selbst längst zwischen den Grabsteinen verschwunden war.

Mit klammen Fingern zündete Dorian sich eine Zigarette an. Dann warf er einen letzten Blick auf Lilians Grab, ehe er mit hastigen Schritten den Friedhof verließ.

Der Himmel hatte sich inzwischen so stark verfinstert, als sei es bereits Abend.

Weit in der Ferne heulte der Wind sein Klagelied über die Hügel.

 

„Schau, was im Ofen ist.“ Kendra empfing Dorian mit aufgesetzter Fröhlichkeit und zerrte ihn, nass und durchfroren, wie er war, ins Cottage.

„Oh bitte, bloß kein Haggis“, stöhnte er.

Doch der Duft aus dem Herd war zum Glück süß und entpuppte sich als Black Bun.

„Danke. Früchtekuchen ist mir lieber als Schafsmagen.“ Dorian schüttelte sich den Schnee aus dem Haar. Sogar in den Augenbrauen klebten Flocken. Jetzt, in der Wärme, tauten sie zu dicken Tropfen.

Erschöpft warf er sich auf einen Stuhl.

„Ist was passiert?“, fragte Kendra. „Du wirkst so nachdenklich.“

Er wusste nicht, wie er ihr erzählen sollte, was er auf dem Friedhof erfahren hatte. Kendra gegenüber hatte er Lilian bisher nie erwähnt.

Überhaupt redeten sie viel zu wenig, wenn sie zusammen waren. Kendra wusste, wie er nackt aussah und wie sein Körper sich anfühlte, aber sie hatte keine Ahnung, aus welchen Kämpfen die Narben darauf stammten, und auch nicht, wer Dorian eigentlich war.

Durfte er ihr verraten, dass er sein Leben dem Kampf gegen Dämonen geweiht hatte? Würde sie die Wahrheit verkraften?

„Ich muss mich erst aufwärmen“, sagte er ausweichend. „Ist von dem Single Malt noch was übrig?“

„Ich hab Nachschub besorgt.“ Sie gab ihm die Flasche. Doch das Lächeln, das sie ihm dabei schenkte, erreichte ihre Augen nicht.

Später am Abend saßen sie dicht nebeneinander. Er betrachtete ihr rotes Haar, das im Schein des Herdfeuers loderte, als bestünde es selbst aus Flammen. Irgendetwas war anders an Kendra. Sie wirkte angespannt, erfüllt von einer inneren Unruhe. Sogar ihre Hände tanzten fahrig durch die Luft, wenn sie sprach.

„Was ist los?“, fragte er.

„Nichts“, erwiderte sie.

„Ich seh dir an, dass du lügst.“

Sie biss sich auf die Lippen. „Hogmanay ist schwierig für mich.“

Dorian fragte sich, warum. Wegen der Rauhnachtmorde? Hatte sie enge Freundinnen verloren, die sich in den Wald gewagt hatten?

„Warum bist du dem Brauch nie gefolgt?“, fragte er stattdessen. „Gab es nie einen Mann, den du dort sehen wolltest? Hattest du nie die Absicht zu heiraten?“

„Nein.“ Sie stand abrupt auf und ging zum Fenster.

Er hörte sie heftig ausatmen, als sie in den tobenden Schneesturm draußen blickte. Im Innern des Cottage war nur das Knacken des Feuerholzes zu hören.

„Kendra?“ Er streckte die Hand nach ihr aus.

„Lass mich“, fauchte sie, ohne sich umzudrehen. „Rühr mich nicht an! Ich dachte, du wärst derjenige, der mir helfen kann. Ich dachte, wenn ich die Nacht mit dir verbringe, käme ich endlich darüber hinweg. Aber ich habe mich geirrt. Ich kann nicht vergessen. Niemals.“

„Wovon redest du?“

„Von Gavin!“ Kendras Aufschrei ließ ihm die Ohren klingeln. Der klagende Ruf einer Eule antwortete, und gleich darauf prallte ein dunkler Schatten gegen das Fenster. Glas klirrte, als die Scheibe barst.

Dann brach die Hölle los.

Der Sturm fuhr herein und riss Dorian in die Höhe. Hinter ihm krachte der Stuhl gegen die Wand, aber er achtete nicht darauf. Alle seine Sinne richteten sich auf Kendra, die inmitten des Tosens aufrecht dastand und die Arme ausbreitete, als wollte sie die Nacht begrüßen. Der Sturm fuhr ihr durchs Haar – heulend, liebkosend – und das dunkle Rot verwandelte sich in Weiß. Die langen Strähnen peitschten Dorian entgegen, als er sich taumelnd auf sie zu bewegte. Scherben splitterten unter seinen Füßen.

Du bist das gewesen?“, brüllte er. „Du hast mich im Wald angegriffen? Du hast all die Morde auf dem Gewissen?“

Sie antwortete nicht. Gälische Wortfetzen drangen an sein Ohr. Er verstand nur Bruchstücke einer gemurmelten Liebesbeschwörung, aber er hatte keinen Zweifel, dass es um Gavin ging.

Sie trauert immer noch um ihn.

Dorian wusste nicht, was Kendra war – ein Mensch, der sich dem Bösen zugewandt hatte, eine Hexe oder ein Feenwesen, für das er keine exakte Beschreibung hatte. Aber sie war zweifellos gefährlich. Ihre Rachsucht kannte keine Grenzen. Er musste ihren Feldzug gegen unschuldige junge Frauen beenden. Und er wusste auch, wie.

Indem ich ihr die Wahrheit über Lilian und mich sage.

„Kendra! Hör mir zu!“

Er brüllte gegen den Sturm an. Gab preis, was er über jene längst vergangene Nacht und Lilians möglichen Anteil am Schicksal Gavins wusste. „Aber sie ist tot, du kannst von ihr keine Vergeltung mehr fordern.“

Mit ausgestreckten Krallen fuhr Kendra herum. „Dann wirst du für sie bezahlen.“

„So wie all die anderen vor mir? Wird es nie ein Ende haben?“

„Nicht, solange ich lebe und Gavin tot ist“, kreischte sie.

Dann bleibt mir keine Wahl, dachte Dorian verzweifelt.

Sie ging auf ihn los; das Gesicht eine wutverzerrte Fratze, bleich wie Schnee, die Augen darin funkelnd wie glühende Kohlen. Mit der Frau, die ihn umarmt und geküsst hatte, besaß sie keine Ähnlichkeit mehr.

Dorian wehrte sich erbittert, doch ihre Attacken wurden immer heftiger. Im Gegensatz zu ihm schien sie keinen körperlichen Schmerz zu empfinden. Als er ein brennendes Holzscheit auf sie schleuderte und ihr Haar Feuer fing, reagierte sie kaum. Sein Kopf dagegen dröhnte allein von ihrer entsetzlich grellen Stimme, als könne er jede Minute platzen. Als er sah, wie Kendra Luft holte, wusste er, dass ihm kaum noch Zeit blieb.

Er riss das Messer an sich, mit dem sie zuvor den Früchtekuchen zerteilt hatten, und stieß es ihr in einer schnellen Bewegung mitten ins Herz.

Statt des erwarteten Schreis drang ein fassungsloses Gurgeln über ihre Lippen.

„Kendra!“ Dorian fing sie auf, als sie ihm entgegenfiel. Ihr loderndes Haar versengte ihm die Hände, und er erstickte die Flammen mit seinem Hemd. „Kendra …“

Ihr Blick brach wie der eines tödlich verwundeten Tieres. „Bring mich zurück“, war alles, was sie flüsterte, ehe sie starb.

Dorian war klar, welchen Ort sie meinte.

Er begrub sie noch in derselben Nacht auf der Lichtung im Wald. Sogar ihr letzter Gedanke hatte Gavin gegolten, dem Mann, den sie so sehr geliebt hatte und den sie niemals haben konnte, weil er damals gestorben war.

Nun hatte Kendra, genau wie Gavin, zu Hogmanay ihr Leben ausgehaucht. Ob es ihr ein Trost war? Vielleicht war sie im Tod endlich mit ihm vereint.

 

Noch auf der Rückfahrt nach London, wenige Tage später, machte Dorian sich Vorwürfe, dass er nicht früher begriffen hatte, welche Rolle Kendra in der ganzen Angelegenheit spielte. Vielleicht hätte er sie dann auf andere Weise bewegen können, mit dem Morden aufzuhören. Auch wenn er seine Tat nicht bereute. Immerhin waren die Menschen in Darkpool nun für alle Zeiten sicher vor ihr.

Es ist nie leicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

„Na, ich wette, Sie sind froh, wieder hier zu sein“, begrüßte ihn Morales im Hauptquartier. „Es war sicher stinklangweilig da oben in Schottland. Sie können es bestimmt gar nicht erwarten, wieder mit dem Team Dämonen zu jagen.“ Er grinste breit. „Stimmt‘s?“

Dorian rang sich ein knappes Lächeln ab. „Stimmt.“

Vielleicht würde er Fred Archer später irgendwann die Wahrheit erzählen. Die ganze Geschichte, so, wie es wirklich gewesen war. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Es war schließlich nichts Neues, dass die Welt da draußen viele Geheimnisse hütete.

Und der Dämonenkiller war stets ein Teil davon.

 

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