Vampire in Varennes?

von am 18. September 2015

Heute mal wieder ein Bericht von Catherine Parker, der Autorin des titelgebenden Teilromans »Flucht nach Varennes« von Band 81. Nicht der erste Band der Serie, der Jahrhunderte vor unserer Zeit spielt, wie Kenner wissen. Und so gebe ich offen zu: Als ich Catherine das Exposé zum Roman schickte, habe ich nicht geahnt, was ich ihr damit antat. Aber lest selbst …

Als Autorin übernehme ich öfter Auftragsarbeiten. Ich weiß also, was es bedeutet, flexibel zu sein. Trotzdem erlebe ich mitunter Überraschungen – so auch, als mir das Exposé für den aktuellen DH-Band 81 ins Postfach flatterte. Bereits beim einleitenden Satz „… liegt der Schwerpunkt auf der Vergangenheitshandlung“ bekam ich eine böse Ahnung, die sich beim hastigen Blick auf die Zeitangabe (1791-93) augenblicklich verstärkte. Das Gefühl, nachdem ich das komplette Exposé gelesen hatte, lässt sich am ehesten als einer der WTF-Momente meines Autorenlebens bezeichnen. Man möge mir so viel Ehrlichkeit verzeihen, aber so war es. Zumindest für ein paar Minuten. 🙂

Ja, ich kannte Dorians frühere Existenz als Hugo Bassarak und ja, ich schätze die diversen Ausflüge in die Vergangenheit an dieser Serie sogar sehr. Aber war nicht ich es, die einst verkündet hatte, niemals einen historischen Roman schreiben zu wollen? Denn Geschichte war nie mein Lieblingsfach und meine Ahnungslosigkeit, nicht nur was die Zeit der Französischen Revolution betraf, ist beträchtlich. Tja. Das nützte nun aber alles nichts. Die Vorgabe im Exposé lautete, mehrere konkret benannte historische Ereignisse in die Romanhandlung einzubauen. Das setzte meinerseits natürlich voraus, möglichst viele Details dieser Ereignisse zu kennen. Äh …? *hust*

Also begann ich zu recherchieren – zuerst über das Leben der Königsfamilie im Pariser Tuilerienpalast, die exakte Fluchtroute nach Varennes im Juni 1791, alle beteiligten Personen und sämtliche Zeitabläufe. Ich las eine Menge über französische Politik und die Hintergründe des Massakers auf dem Marsfeld sowie Dokumente über die Hinrichtung des Königs 1793. Ich googelte nach Bildern des königlichen Fluchtfahrzeugs, einer sog. Berline, stöberte durch Zeitungsartikel, Flugblätter, Speisepläne und zeitgenössische Mode. (Ach, und erwähnte ich schon, dass ich eine Menge über französische Politik las?) Einmal hörte ich mir auch Revolutionslieder auf YouTube an, das war eindeutig unterhaltsamer als die trockene Historie. Nach meiner intensiven Recherche hätte ich jedenfalls locker eine Klausur zum Thema bestreiten können, viele Jahre nach der Schulzeit. Aber Hauptsache war, dass es mir am Ende gelang, mich diesem Handlungssetting soweit anzunähern, dass ich mich in der Lage sah, meinen Teilroman zu schreiben. Und ungelogen – es machte sehr viel Spaß, nun all die historischen Fakten mit einem Vampir wie Jerome de Choiseul anzureichern, Dorian als Hugo Bassarak dabei immer dicht an die Fersen der vampirischen Handlanger geheftet.

Beim Abgabetermin fand sich übrigens trotz aller Recherche ein grandioser Patzer in meinem Text: Da die meisten Kämpfe ja mit dämonischen Mitteln ausgetragen werden, hatte ich mich mit herkömmlichen Waffen zu wenig beschäftigt und nicht bedacht, dass die zu jener Zeit nachgeladen werden mussten. Zum Glück fiel das dem aufmerksamen Lektorat gleich auf.

Mein persönliches Fazit: Dem nächsten DH-Exposé auf meinem Schreibtisch sehe ich gleichermaßen gespannt wie gelassen entgegen – egal, in welcher Zeit Dorian darin unterwegs sein wird. Denn ich mag Herausforderungen und ich liebe Phantastik. Nur eines will ich nach wie vor nicht: einen historischen Roman schreiben. 🙂

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Johann Sebastian Bach im HUNTER-Style

von am 24. Juli 2015

Heute habe ich einen ganz besonderen Menschen zum Interview zu Gast. Besonders zumindest für all diejenigen, die die DORIAN HUNTER-Hörspiele auch wegen ihrer Musik so lieben. Andreas Meyer hat nämlich den Großteil davon komponiert und die Serie damit maßgeblich geprägt. Was das genau bedeutet, erfahrt ihr hier:

Hallo Andreas, ich muss zuerst einmal etwas gestehen. Auch wenn ich weiß, dass Musik in einem Hörspiel sehr wichtig ist, um eine bestimmte Atmosphäre für eine Szene zu schaffen u.ä., habe ich mich damit bisher noch am wenigsten beschäftigt. Vielleicht geht es dem einen oder anderen Hörer ähnlich. Deshalb erzähl doch mal genau, welchen Teil der Musik für die HUNTER-Hörspiele du gemacht hast. Das HUNTER-Theme ist ja von Joachim Witt, also nicht von dir. Aber der Rest?

Bis Folge 9 stammen etwa 75% Prozent der Musik von mir, ab Folge zehn der komplette Soundtrack (außer der Titelmusik). Also, im Prinzip mache ich alles, was derzeit bei Hunter musikalisch zu hören ist. Eine Auswahl der Stücke findet sich auf der Soundtrack-CD »Hunteresque«, die der Komplettbox von Folge 25 beiligt. Neben der Musik fertige ich gelegentlich noch spezielle Sound-Effekte an, wie »Zeitstopp«-Sounds, »Wischer« – und Glocken, die keine Klöppel haben, sondern rasiermesserscharfe Klingen, mit denen sich ahnungslose Touristen zerteilen lassen.

Wenn ich ein Skript schreibe, schreibe ich zwischen die Szenen einfach hin und wieder „Musik“. Das tippt sich recht schnell, aber das ist dann der Teil, wo du ins Spiel kommst. Wie gehst du an so eine Aufgabe heran?

Ich ignoriere das erstmal J Okay, Scherz beseite. In der Regel ist es ja so, dass ich nach der Skript-Lektüre mit Dennis bespreche, welche Art von Musik an welcher Stelle des Hörspiels nötig ist. Da wir ja schon einen kleinen Fundus an Stücken haben, auf den man zurückgreifen kann, geht es bei den neueren Folgen meistens darum, Stücke zu schaffen, die etwas vom Lokalkolorit des Handlungs-Settings einfangen: also typische Musik aus den Karpaten, Instanbul oder Spanien beispielsweise. Gelegentlich wird auch einzelnen Figuren ein Thema spendiert, wie dem Wijsch aus »Die Schöne und die Bestie«.

Gerade »Die Schöne und die Bestie« war ja eine Folge, die sich musikalisch deutlich vom Rest der Reihe abgehoben hat. Hat es Spaß gemacht, da mal aus dem üblichen HUNTER-Stil auszubrechen? War es eine Herausforderung oder ist es dir eher leicht von der Hand gegangen?

Das »Übliche« kommt bei Hunter ja sowieso eher selten vor, aber ich weiß, was du meinst. Manchmal denke ich schon: »Oh Gott – wie soll ich das schaffen? Eine Kopie von Johann Sebastian Bachs Fugen im ›Hunter-Style‹?« Aber ich habe mich ein wenig an diesen Zustand des Erschreckens, besonders wenn Dennis mir vermeintlich unmögliche Aufgaben stellt, gewöhnt. Da vertraue ich mir mittlerweile mehr. Außerdem kochen alle Komponisten nur mit Wasser.

Gibt es in Bezug auf HUNTER irgendetwas, das du gerne mal ausprobiern möchtest, wozu du aber bisher keine Gelegenheit hattest?

Am meisten Spaß macht es mir, Musik in den HUNTER-Soundtrack einzubinden, die erst einmal völlig Genre-fremd erscheint. Also zum Beispiel die Renaissance-Stücke in der Fausttrilogie (Folge 25). Diese Musik dann komplett zu »hunterisieren« – sie also dem Stil-Kanon des Hunter-Soundtracks anzupassen -, darin liegt für mich der größte Reiz. Insofern freue ich mich immer auf neue, exotische Schauplätze. Ich habe zum Beispiel nicht viel für Reggae oder bayrische Blasmusik über. Diese Musik aber in den Hunter-Kontext zu überführen (und dabei total durch den »Wolf« zu drehen), das wiederum macht extrem viel Spaß.

Bayrische Blasmusik im HUNTER-Stil klingt so abstrus, dass ich das jetzt auch gerne hören würde. Wir brauchen eine Folge auf dem Oktoberfest, glaube ich 😉
Auf jeden Fall vielen Dank für das Interview!

Wer mehr von Andreas’ Musik hören möchte, kann dies auf www.soundcloud.com/andreasmeyermusic tun. Dort findet ihr (neben Musik aus DORIAN HUNTER) auch exklusive Musikstücke anderer Serien von Zaubermond – wie Perry Rhodan oder den Elfen.

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Wie es der Mbret leider nicht mit Bibelschmuggel zu tun bekam

von am 21. Juli 2015

Zwei Monate ist es her, dass die Hörspielfolge 28, „Mbret“ erschienen ist. Über eine Begebenheit muss ich aber selbst heute noch schmunzeln, wenn ich an das Schreiben des zugehörigen Skripts zurückdenke. Das Romanexposé zum „Mbret“ (der Roman erschien damals unter dem Titel „Der Opferdolch“) enthält einen etwas kuriosen, historischen Fakt, den wir in den Hörspielen leider nicht verwenden konnten, weil sie ja nicht in den 70er-Jahren, sondern in der Gegenwart spielen. Ich übergebe einfach mal Ernst Vlcek das Wort, der an einer gewissen Stelle im Expo eigentlich nur die Nebenfigur Domino Callabro vorstellen wollte:

„Domino Callabro geht recht seltsamen Geschäften nach. Er schmuggelt Bibeln in albanischer Sprache nach Albanien. Zum besseren Verständnis sei gesagt, dass im Jahre 67 in Albanien alle Religionen ausgerottet wurden, viele Kirchen zu Sporthallen, Kinos und Parteilokalen umfunktioniert, nur die architektonisch wertvollen werden vom Staat weiter erhalten (Das entnehme ich einer albanischen Kampfschrift. Anm. d. Exposé-Autors). Nun gibt es aber in der VR Albanien Elemente, die an ihrem religiösen Glauben hängen, und es gibt in der westlichen Welt Kleriker, die die Albaner mit Bibeln, Kruzifixen und so versorgen wollen.“

Heutzutage darf man in Albanien wieder offen welcher Religion auch immer angehören. Daher haben wir aus dem Bibelschmuggel Flüchtlingsschmuggel gemacht, der derzeit deutlich aktueller ist.

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Wo liegt eigentlich Torisdalur?

von am 10. Juli 2015

Christian Schwarz hat den Teilroman „Tirso“ im aktuellen Band „Sturm auf die Bastille“ geschrieben. Unter anderem spielt dieser Roman auf dem Elfenhof in Island, ganz in der Nähe des Tals Torisdalur. Dummerweise hatte Christian Probleme damit, Torisdalur zu finden. 🙂 Hier er zählt er die ganze Geschichte.

Als Andrea mir „mein“ Exposé für Band 80 schickte, freute ich mich riesig. Große Teile des Romans sollten in Island spielen. Diese HUNTER-Location, wie’s heute so schön heißt, war immer einer meiner Lieblingsschauplätze gewesen, das Tal Torisdalur mit dem Hermes-Trismegistos-Tempel, Magnus Gunnarsson, Unga, der Elfenhof etc. Nun sollte/durfte ich als Altleser und relativer Neuautor darüber schreiben. Super, dachte ich, das würde zudem den Rechercheaufwand in Grenzen halten, da doch zahlreiche Szenen und Aussagen noch ziemlich präsent bei mir sind.

Doch dann war sie plötzlich doch da, meine große persönliche Recherche-Herausforderung. Sie begann mit dem harmlosen Expo-Satz: „Der Elfenhof liegt in der Nähe des Tals Torisdalur, in dem der Tempel des Hermes Trismegistos gestanden hat, bevor er eingestürzt ist“, versehen noch mit der Fußnote: „Mach einfach mal eine Google-Bildersuche nach Torisdalur.“ [Anmerkung von mir, Andrea: Das war als Aufforderung gemeint, sich die Landschaft mal anzusehen. Die ist nämlich recht außergewöhnlich.]

Nun, die genaue Lage des Elfenhofs, auf dem Tirso, Virgil Fenton und Reena hausten, war ein nicht ganz unwichtiges Faktum für mich. Dorian sollte nach meinem Willen den Hof von der isländischen Hauptstadt Reykjavyk aus mit einem Schneemobil ansteuern. Und zwar im Dezember, wenn es in Island gerademal fünf Stunden Tag ist. Meine Überlegung: Schafft Dorian die Strecke noch bei Tag oder kommt er bereits in der Nacht auf dem Elfenhof an? Also zuerst mal in die Fact-Datei schauen. Vielleicht steht da ja was drin? Torisdalur kommt da erstaunlicherweise nicht vor. Aber der Elfenhof. Und der liegt laut interner Fact-Datei rund 60 Kilometer von Reykjavyk entfernt.

So weit so gut. Sechzig Kilometer in fünf Stunden durch unwirtliches Gelände – kann ein Schneemobil so was schaffen? Wie schnell sind die Dinger überhaupt? Google bemühen, oha! Bis zu 130 km/h kriegen die Dinger drauf, die Strecke kann Dorian also locker bei Tageslicht schaffen.

Und nun kommt Andreas Fußnote ins Spiel. Ich googelte Torisdalur und fand zahlreiche Bilder einer unwirtlichen Steinlandschaft. So wie Torisdalur eben immer beschrieben worden war. Alles gut. Oder? Irgendwann kam ich auf die Idee, mir die genaue Lage des Tals über Google Maps anzusehen. Und jetzt wurde es abenteuerlich. Plötzlich lag Torisdalur ganz im Osten der Insel, rund 250 Kilometer von Reykjavyk entfernt. Mehr hatte ich zunächst nicht. Also begann ich, kreuz und quer nach weiteren Informationen bezüglich der Lage zu suchen. Gar kein leichtes Unterfangen, denn die Aussagen, die Google lieferte, waren ziemlich unklar. Ich verbiss mich förmlich darin. Über viele Stunden, in denen ich sicher zwei, drei Kapitel hätte schreiben können. Trotzdem musste die Recherche sein. Denn ich möchte irdische Locations immer so präzise wie möglich beschreiben, künstlerische Freiheit hin oder her.

Man mag es einen Spleen nennen, eine zwanghafte Handlung oder sonstwas, weil diese Details den Leser ohnehin kaum interessieren, aber so wie jeder Schriftsteller schreibe ich ja nicht nur für die Leser, sondern auch für mich. Das heißt: Zuerst mal muss ich mit meinem Werk zufrieden sein, bevor ich es für die Allgemeinheit freigebe. Dinge, wie sie etwa James Clavell in seinem berühmten Roman Tai-Pan praktizierte, dass er einzelne Stadtteile Hongkongs nach Gutdünken gegeneinander verschob, weil das gerade besser in die Dramaturgie passte, kämen für mich niemals in Frage.

Zurück zum Thema. Als ich für den Roman im März recherchierte, gab Google für Torisdalur nur diese eine Location an der Ostküste in der Nähe von Höfn her. Irgendwann stieß ich dann auf die Information, dass es sich um eine Farm in einer öden Gegend handle. Wie, kein Tal? Diese Sache beunruhigte mich so, dass ich Andrea anmailte. Wir einigten uns dann darauf, es bei den 60 Kilometern Entfernung zu belassen, die in der Fact-Datei angegeben werden. Hatte der geschätzte Autorenkollege Ernst Vlcek seinerzeit bei der Festlegung dieser Distanz bereits zwei, drei Gläschen Rotwein zu viel? Oder ist sie der Tatsache geschuldet, dass ohnehin alles relativ ist? Und dass es damals noch keinen Google gab?

Seltsam: Jetzt, da ich diesen Blog schreibe und die Entfernungs-Recherche nochmals nachvollziehe, bekomme ich plötzlich zwei Torisdalur. Den Bauernhof im Osten und eine West-Location nordwestlich von Reykjavyk. Da ist es plötzlich, das langgesuchte Tal! Hatte vielleicht auch ich ein Gläschen Rotwein zuviel? Nein, unmöglich, ich trinke tagsüber keinen Alkohol. Egal, wie immer das zugegangen sein mag, ich habe meinen Seelenfrieden wieder. Denn das Tal Torisdalur liegt laut Entfernungsmaßstab rund 100 Kilometer von Reykjavyk entfernt. Und da der Elfenhof „in der Nähe des Tals“ angesiedelt ist, haut das alles plötzlich wunderbar hin.

Ernst, du warst eben doch der Größte.

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Bitte nicht mit Marvin Cohen auf dem Sofa!

von am 23. Juni 2015

In den letzten Wochen hat er sich viel mit Horden von Untoten, Enthauptungen und wuchernden Gehirnsträngen beschäftigt – und ist dabei doch ganz normal geblieben. So normal jedenfalls, wie man als Teil der Dämonenkiller-Crew eben sein kann … Alexander Rieß sorgt als Sounddesigner dafür, dass bei Dorian Hunter alles so klingt, wie es klingt. Was das genau bedeutet? Lest selbst!

Viele Hörspielbegeisterte interessiert sicherlich sehr, wie man überhaupt »Sounddesigner« werden kann. Kannst du deinen Weg in wenigen Worten zusammenfassen? Welche Stationen klappert man da so ab?

In wenigen Worten? Also gut, hier mein »tontechnischer« Lebenslauf: Kleiner Junge nimmt selbstgestaltete Radiosendungen mit Kassettenrekorder auf (alle Rollen sind selbstverständlich selbst gesprochen!). Tägliches Hörspiel Hören als Kind und Jugendlicher, gepaart mit einem Faible für HiFi-Geräte. Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Praktika in diversen Tonstudios mit letztendlicher Festanstellung im CSC Studio, Hamburg. Da war es dann schon klar, dass ich den Hörspiel- und Hörbuch-Bereich übernehmen würde.

Hattest du zu DORIAN HUNTER denn schon einen Bezug, bevor du mit Folge 25 ins Team eingestiegen bist?

Ich muss erst mal klarstellen, dass ich nicht erst mit Folge 25 in das Team eingestiegen bin. Wenn man es ganz genau nimmt, müsste man wohl sagen, dass ich sogar das erste Teammitglied war, das von Dennis Ehrhardt rekrutiert wurde. Eine Fügung, die wir übrigens Douglas Welbat zu verdanken haben, der nach einem Anruf von Dennis sagte, er solle mal zu Alex vom CSC Studio gehen, der interessiere sich auch für Hörspiele. Ich mache also bereits seit Folge 1 sämtliche Aufnahmen für Dorian Hunter, die in Hamburg stattfinden. Seit Folge 25 bin ich für die komplette Audioproduktion verantwortlich.
Als Dennis zum Gespräch ins Studio kam, war mir der Dämonenkiller natürlich kein Unbekannter. Als Jugendlicher habe ich die Romane schon in diversen Dänemark-Urlauben und an verregneten Ferientagen gelesen (zusammen mit »Larry Brent«, »Macabros« und einem gewissen »Sohn des Lichts«). Als dann die Hörspiele von Europa rauskamen, habe ich die natürlich rauf und runter gehört.

Was ist für dich das Besondere an den aktuellen Hörspielen?

Das Besondere an den neuen Dorian Hunter-Hörspielen von Zaubermond ist für mich die Komplexität und die Liebe zum Detail. Man erwartet vom Hörer mehr als einfaches »Nebenbeihören«. Einige Szenen werden erst zu einem späteren Zeitpunkt der Folge klar oder verständlich, es gibt durch Dorians vergangene Leben parallele Handlungsstränge usw. Das gefällt mir, denn ich finde, für ein Hörspiel sollte man sich Zeit und Ruhe nehmen, um in die Geschichte einzutauchen. Nebenbei abwaschen oder Auto fahren funktioniert für mich nicht. Ich denke, wer Dorian Hunter nur nebenbei hört, dem entgehen viele Feinheiten, und der Spaß an der Serie wird schwinden. Außerdem möchte ich ganz besonders noch die Musik von Andreas Meyer hervorheben. Er hat der Serie von Anfang an seinen Stempel aufgedrückt.

Der Mbret in der aktuellen Folge 28 ist ein Wesen, das sich den Definitionen von typischen Horrorgeschichten entzieht. Er ist weder Vampir, noch Werwolf und auch kein Ghoul oder Zombie. Warum klingt er im fertigen Hörspiel jetzt so, wie er eben klingt?

Ja, der Mbret ist wirklich speziell! Ich habe deshalb auch sehr lange überlegt, wie der wohl klingen könnte.
Beim Lesen des Skriptes musste ich irgendwie an eine Art Bienenkönigin oder Ameisenkönigin denken, die in ihrem Nest hockt und die Arbeit vom Gefolge erledigen lässt. Das Gefolge besteht hier allerdings aus Untoten.
Da kam ich auf die Idee, den Mbret insek-tenartig klingen zu lassen. Schnarrend, fremdartig und irgendwie unangenehm. Schließlich sagt Sara in der Folge auch: »Seine Stimme drang in die Köpfe der Menschen … wie Gift.«

Welche Hörspiele – oder auch Filme – haben dich denn selbst geprägt? Gibt es Vorbilder, die, vielleicht sogar unbewusst, einen Einfluss auf deine eigene Arbeit als Sounddesigner haben?

Ich bin natürlich von den alten Europa-Horror-Hörspielen geprägt. Vor allem »Larry Brent« und »Macabros«. Einfluß auf meine Tätigkeit als Sounddesigner haben die allerdings nicht. Aus heutiger Sicht klingen die Hörspiele aus den Achtzigern doch etwas angestaubt und nicht mehr ganz zeitgemäß. Sie haben eher dafür gesorgt, dass ich dem Horror/Grusel-Genre nicht abgeneigt bin.

Welches ist deine bisherige DORIAN HUNTER-Lieblingsszene, die du selbst vertont hast – und warum?

Hm, schwierig. Eine wirkliche Lieblingsszene gibt es nicht. Ich habe einfach Spaß daran, die Geschichten akustisch zum Leben zu erwecken und Bilder im Kopf zu erzeugen. Das können spannende, ruhige, witzige oder grausame Szenen sein. Ganz egal. Wenn sich dann am Ende alles gut zusammenfügt, bin ich glücklich.

Wenn du es dir aussuchen dürftest: Wohin würdest du Dorian gerne mal schicken, weil du so viel Lust dazu hättest, die Umgebung akustisch zu gestalten?

Ich würde Dorian gar nicht an einen bestimmten Ort schicken wollen. Vielmehr hätte ich Lust, ein Dorian Hunter-Hörspiel in Dolby Surround oder sogar Dolby Atmos zu mischen – die Effekte also auch hinter, neben und sogar über dem Hörer zu platzieren wäre für mich eine interessante Herausforderung und ein weiteres Gestaltungsmittel. Ich denke, das wäre ein echter Mehrwert für jede Umgebung in der Dorian und sein Team sich gerade befinden.

Letzte Frage: Frank Gustavus – der Sprecher von Marvin Cohen – ist ziemlich regelmäßig für Aufnahmen bei euch im Studio. Hat der nicht immer lebensfrohe Charakter seiner Figur auf ihn abgefärbt, oder macht die Arbeit mit ihm noch Spaß?

(lacht) Es macht sogar sehr viel Spaß, mit Frank zu arbeiten! Die Rolle hat in keinster Weise auf ihn abgefärbt. Ich denke, er kann es sich auch gar nicht leisten, Cohens Umgangston anzunehmen. Das würde ihn sicher bald seinen Job als Regisseur und Sprecher kosten. Da wir auch privat befreundet sind, bin ich darüber natürlich doppelt froh! Ich hätte – ehrlich gesagt – keine Lust, jemanden wie Marvin Cohen auf meinem Sofa übernachten zu lassen.

Ich denke, das können wir wohl alle nachvollziehen. Vielen Dank für deine Zeit und die interessanten Antworten!

Immer gerne! Jetzt muss ich allerdings auch dringend an Folge 29 weiterarbeiten … Coco, Wien und der »Hexensabbat« warten bereits!

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Von Ghoulen und Grüften

von am 10. April 2015

Rüdiger Silber hat zu Band 41 von DAS HAUS ZAMIS den Teilroman »Der Dämonenstab« beigetragen. Hier erzählt er nun ein wenig über die Schauplätze seines Romans.

Niemand durfte das Gelände, das hinter der hohen Mauer aus unverputztem Backstein lag, betreten. Einzementierte Glassplitter und zwei Reihen Stacheldraht auf der Mauerkrone sollten unbefugtes Eindringen verhindern. Das Holzportal in der Wiener Schrottenbachgasse, von dem die Einfassung unterbrochen wurde, trug ein auffälliges Schild: „Betreten des Friedhofes aus sicherheitstechnischen Gründen verboten.“ (Rüdiger Silber: DER DÄMONENSTAB, S. 28/29)

DAS HAUS ZAMIS-Exposées (und auch DORIAN HUNTER-Expos, soweit ich da mit bislang erst einem Roman auf dem Buckel schon mitreden darf) lassen dem Autor einen gewissen Freiraum. Abweichungen vom Exposee sind zulässig – im Zweifelsfall nach Absprache mit dem Expo-Autor –, solange die Hauptelemente des Plots und vor allem der rote Faden des Serienexposées erhalten bleiben. So ist zu erklären, dass im ersten Teilroman des DHZ-Bandes Teufelstaufe etliche Ghoule ihren Auftritt haben (obwohl das Expo ghoulfrei ist) und dass in diesem Zusammenhang gleich auf den Seiten 8 bis 48 drei ausführliche Friedhofsszenen auf drei verschiedenen Friedhöfen vorkommen (von denen nur die erste im Expo steht; Uwe Voehl ist nämlich ein viel zu guter Exposée-Autor, um eine der Serienregeln – Vielfalt der Schauplätze! – so eklatant zu missachten). Uwe hat es mir aber durchgehen lassen. Und ich hoffe, auch der Leser wird genügend Abwechslung auf den ersten fünfzig Seiten finden, um dem Autor geneigt zu bleiben.

Gleich die Eröffnungsszene spielt auf dem Wiener Zentralfriedhof. Der ist übrigens keineswegs zentral, sondern am Stadtrand gelegen, aber als der größte und bekannteste Wiener Friedhof ist er ein beliebter Schauplatz der Serie. Es treten auf: Michael Zamis, eine namenlose, geheimnisvolle Dämonin und ein glückloser Frauenmörder. Noch kein Ghoul.

Die dritte und letzte Friedhofsszene spielt in London. Coco Zamis ist auf der Suche nach dem alten Mausoleum der Familie Hunter. Hierzu war ein ehrwürdiger viktorianischer Friedhof erforderlich. Und nein, ich habe nicht den Highgate Cemetery gewählt (der mir nicht ganz geeignet und auch literarisch zu abgenutzt erschien), sondern den Kensal Green Cemetery. In dieser Szene ist Ghoul-Action angesagt.

In der dazwischenliegenden zweiten Friedhofsszene kam es mir vor allem auf Atmosphäre an. Coco sucht den ›Beindlglauber‹ auf, den ältesten lebenden Ghoul Österreichs. Der ist so sehr mit seinem letzten Wohnort verwachsen, dass er ihn nicht mehr verlässt, auch wenn dort schon seit Generationen keine frischen Leichen mehr begraben werden, an denen er sich atzen könnte. Die Wiener Ghoulgemeinde versorgt den Altghoul aus Respekt mit den Früchten der Totenäcker. Hierfür den richtigen Schauplatz zu finden, war nicht ganz einfach, und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich festgelegt hatte.

In dem Jüdischen Friedhof Währing in der Wiener Schrottenbachgasse fand ich jedoch die ideale verwunschene Kulisse für die Beindlglauber-Szenen. Ein uralter Friedhof voller verfallener Grüfte und Gräber, von Wildwuchs vereinnahmt, der aufgrund der damit einhergehenden Gefahren nur mit gesonderter Erlaubnis betreten werden darf. Doch leider: was für den Autor einer Grusel-Serie wie ein Geschenk erscheint, ist aus Sicht der jüdische Gemeinde Wiens ein Trauerspiel … und für die Stadt Wien ein Schandfleck. Eröffnet anno 1784, handelt es sich um den zweitältesten Wiener Friedhof. 1880 folgte die Schließung, danach wurden dort keine neuen Bestattungen mehr vorgenommen. 1942 enteigneten die Nazis das Friedhofsgelände und verwüsteten es in den Folgejahren zu großen Teilen. Zudem wurden zahlreiche Grüfte für »Rasseforschungen« geplündert. Bei der Rückgabe nach dem Krieg wurde die Jüdische Gemeinde von der Stadt geprellt, und bis heute hat die Stadt Wien es nicht vermocht, den Jüdischen Friedhof Währing, der mit den Grabplätzen berühmter Wiener und mit den historischen Grabskulpturen zudem ein wichtiges Kulturdenkmal darstellt, einigermaßen wiederherzustellen. So verfällt der Friedhof immer weiter, was zwar dem Dichter des Grauens auf Schauplatzsuche hilft, der Wiener Stadtverwaltung jedoch ein Armutszeugnis ausstellt.

Wer sich gerne ein genaueres Bild von dem atmosphärischen Schauplatz verschaffen will, an dem Coco (allerdings in dunkler Nacht) den Beindlglauber trifft, und Interesse an der Geschichte des Friedhofs hat, dem sei die folgende dreiteilige Friedhofsführung von Tina Walzer empfohlen, der attraktiven Kennerin des Währinger Friedhofs mit ihrem charmantem Wiener Akzent:

Teil 1
Teil 2
Teil 3

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Catherine Parker über Mainica

von am 31. März 2015

Catherine Parker hat mit Band 79 »Unter dem Eis« ihren zweiten Teilroman zur HUNTER-Reihe beigesteuert. Hier erzählt sie davon, wie es war, einer mächtigen sibirischen Dämonin Leben einzuhauchen. – Achtung: Spoiler!

Ich gehöre ja zu den Autoren, die gern strukturiert arbeiten. Das heißt, sobald ich das Exposé für meinen Teilroman gelesen hatte und mir über den Ablauf der Handlung im Klaren war, habe ich einen Kapitel- bzw. Szenenplan erstellt. Daraus war sofort ersichtlich, dass ein wesentlicher Teil der Geschichte aus der Perspektive von Salamanda Setis (Shala Ishtar) erzählt werden muss. Denn sie ist diejenige, die bereits Bescheid weiß, während Dorian Hunter und sein Dämonenkillerteam noch völlig im Dunkeln tappen.

Salamanda sah sich in der Vergangenheit schon einmal mit dieser geheimnisvollen, Visionen verursachenden Dämonin konfrontiert und ihre Erinnerungen sind keine guten … Mainica – der Name ist abgeleitet von der sibirischen Sagengestalt Mainicanican, was »große Kälte« bedeutet. Passend dazu beginnt es überall zu schneien und zu frieren, wo Mainica sich aufhält. Absolut kein Wetter also, das eine Rabisu wie Salamanda zu schätzen weiß (ich übrigens auch nicht 🙂 ). Trotzdem ist die erste Begegnung der beiden Dämoninnen geprägt von gegenseitiger Faszination – jede spürt die Stärke der anderen und hofft, sie sich zunutze machen zu können.

Mir war es vor allem wichtig zu zeigen, dass es hier nicht um wahre Freundschaft oder gar Vertrauen geht, sondern um ein – für beide Seiten riskantes – Bündnis zwischen Dämoninnen, in dem sich das Kräfteverhältnis allmählich verschiebt. Nachdem Mainica Jahrtausende lang einsam und (fast) zur Untätigkeit verdammt unter dem Eis gefangen gehalten wurde, musste sie einen ungeheuren Nachholbedarf an allem haben – an Leben, an Wissen, an Interaktion und Wirkung. Die Nähe zu Salamanda gewinnt dadurch an Bedeutung. Endlich hat Mainica eine Gleichartige zur Seite, sie ist nicht mehr allein! Das ist eine ganz neue Erfahrung für sie.

Da Mainica sich im 18. Jahrhundert nicht auskennt, orientiert sie sich anfangs an Salamanda, die für kurze Zeit die Lehrerin spielen darf. Allerdings täuscht diese Rolle sie darüber hinweg, dass Mainica über Kräfte verfügt, gegen die Salamanda nicht ankommt. Als ihr das klar wird, ist es zu spät – Mainica hat längst die Führung und Kontrolle übernommen. Sie hat Shala Ishtar zu ihrer »Dämonenschwester« erkoren und lässt sie nicht mehr aus den Klauen. Jeder Streit, jede Zwistigkeit wird nun zur tödlichen Bedrohung.

Für Salamanda, der ihre Freiheit und Unabhängigkeit über alles geht, ist Mainicas Klammern ein unerträglicher Zustand. Sie ist wild entschlossen, sich daraus zu befreien, aber vorerst muss sie ein paar bittere Niederlagen einstecken. Das nagt natürlich an ihrem Ego. Was die beiden da abliefern, ist eine Art dämonisches Psychoduell, bei dem die Siegerin lange nicht feststeht. Mir persönlich hat es sehr viel Spaß gemacht, das zu schreiben. Und ich hoffe, dieser kleine Exkurs in dämonischer Küchenpsychologie konnte meine Herangehensweise ein bisschen verdeutlichen.

 

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Eine Hörspielszene

von am 30. Januar 2015

Ich dachte mir, vielleicht interessiert es euch, wie so eine Hörspielszene in Skriptform aussieht. Daher habe ich euch mal eine Stelle aus »Die Schöne und die Bestie« rausgesucht.

Szene 3
Einsame Schneelandschaft. Ein Schlitten, an dem Glöckchen bimmeln, nähert sich.

Tanja
(OFF-Text spielen)

Dorian Hunter OFF
Die Sonne sank den schneebedeckten Wipfeln entgegen. Der Schlitten näherte sich von Osten, sechs graue Wölfe zerrten an den Halftern. Die Frau auf dem Schlitten war in einen Zobelpelz gehüllt. Dunkles, ungebändigtes Haar umfloss ihr Gesicht.

Tanja
(stößt einen Pfiff aus, OFF spielen)

Dorian Hunter OFF
Das Gespann hielt. Die Frau stieg herunter und näherte sich der Gestalt, die halb von Schneewehen begraben am Fuße der Fichte lag. Ein Mann. Der Puls war kaum spürbar. Eine Postkarte, die zwischen steifen Fingern hervorlugte. Darauf ein steinernes Ungeheuer, das in der Mitte eines Brunnens kauerte. Aus der Stirn ragte ein Horn. Und auf dem Horn thronte – eine Frau.

Wölfe werden ungeduldig, bellen.

Tanja
(OFF-Text spielen)

Dorian Hunter OFF
Sie steckte das Bild ein, wischte den Schnee von der Jacke des Mannes und zog ihn zum Schlitten. Wälzte den Körper auf die Ladefläche und spannte die Ledergurte – wenig zimperlich.
Es kam sowieso nicht mehr darauf an.

Tanja steigt selbst auf den Schlitten, nimmt die Zügel, pfeift.

Tanja
Los! Los!

Wölfe ziehen an, Schlitten entfernt sich.

Musik

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Die Bastille – ein Mythos

von am 16. Dezember 2014

Catalina Corvo hat zum HUNTER-Band 78 den Teilroman »Der Hermaphrodit« beigesteuert, in dem man Einblicke in Dorians vergangenes Leben als Hugo Bassarak gewinnt. Hier erzählt sie nun ein wenig darüber, worauf sie bei der Recherche für diesen Roman gestoßen ist.

Einen Großteil ihres Charmes bezieht die DORIAN HUNTER-Serie ja nach einhelliger Meinung in Autoren- und Fankreisen aus ihren nicht nur gelegentlichen Abstechern in die Historie. So auch im aktuellen Zyklus, der unsere geschätzte Leserschaft ins absolutistische Frankreich entführt. Da denkt man natürlich sofort an Duelle, den prunkvollen Louvre, Intrigen, Mätressen, ausufernde Bälle und nicht weniger ausufernde Rokokokleider. Ganz wie es uns zahlreiche Leinwandabenteuer der Musketiere und andere Hollywood-Galane erzählen.

Aber Geschichte wird nicht in Hollywood geschrieben, und echte historische Recherche bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Man findet einfach niemanden, der damals schon gelebt hat. Es sei denn, man ist Nekromant. Aber trotz anders lautender Gerüchte sieht sich das Autorenteam außer Stande, die Toten zu beschwören.

Also hieß und heißt es: lesen, lesen, nachschlagen. Und was findet man da nicht für überraschende Details, die in Filmen gern vergessen werden und so gar nichts mit der Realität gemeinsam haben. So wollten wir anfangs Dorians Reinkarnation Hugo beispielsweise in der gefürchteten Bastille schmoren lassen. Nun stellte sich allerdings heraus, dass die echte Bastille überhaupt nicht so gruselig war. Und es saß auch kein Mann mit einer eisernen Maske darin.

Die im 18. Jahrhundert kursierenden Gerüchte über die Bastille waren entsetzlich übertrieben, und die sogenannte „Kleine Festung“ in Wahrheit ein ganz gemütlicher Ort mit ein paar gelangweilten Wachen und ganzen sieben Insassen. Diese sieben Gefangenen hatten es erstaunlich gemütlich und ließen sich teilweise sogar ihren eigenen Wein aus der Stadt kommen. Angeblich waren die Zellentüren auch nur nachts abgeschlossen. Einer dieser Gefangenen im Jahre 1789 war übrigens der berüchtigte Marquis de Sade. Die Besatzung der Festung bestand aus 30 Schweizern und rund 80 nicht gerade kampfkräftigen Invaliden. Eine bis an die Zähne bewaffnete Elite sah auch damals anders aus. Und wie man sich nach all den Beschreibungen denken kann, war das »fürchterliche mechanische Folterinstrument«, das sich nach der eigentlich nicht ganz so stürmischen Erstürmung im Keller finden ließ, eine altertümliche Druckerpresse. Aber das ist eine andere Geschichte.

Für Hugo, der leider kein Marquis ist, war also demnach kein Platz im Nobelknast frei, und wir mussten für ihn eine andere finstere Unterbringung finden. Zum Glück hatte das historische Paris genug davon. Wie es für unseren Helden weitergeht, kann man nachlesen. Noch diese Geschichte nicht ganz geschrieben.

Es grüßt herzlich, eure Catalina Corvo.

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Catalina Corvo über Georg Zamis

von am 10. Oktober 2014

Während ich über die Frankfurter Buchmesse wandle, erzählt euch Catalina Corvo etwas über ihren Lieblingscharakter aus DAS HAUS ZAMIS: Georg Zamis.

Wenn man als Schriftsteller mit Freunden über seine Arbeit spricht, die das Geschriebene gelesen haben, wird man oft gefragt, ob man eine Lieblingsfigur habe. Natürlich folgt auch sofort die Frage, ob man einen Charakter nicht leiden könne. Letztere Frage kann ich guten Gewissens verneinen. Na klar, ich mag zum Beispiel Asmodi nicht sonderlich. Aber Asmodi ist schließlich auch nicht der Boss der Schwarzen Familie geworden, um geliebt zu werden. Auch nicht von mir. Aber so unsympathisch, wie er sich auch für den Leser und die Zamis geben mag, ist er als Antagonist eine großartige Figur und versierter Koch vieler Suppen, die unsere Helden auslöffeln müssen. Außerdem hat er in meinen Augen durchaus Humor. Auch wenn dieser Humor noch schwärzer ist als der Kaffee im Café Zamis. Aber mein Liebling ist er dennoch nicht. Diesen Rang hatte ihm, schon als ich die ersten Coco Zamis Romane las, ein anderer abgelaufen.

Georg Zamis mit seiner ruhigen, aber unberechenbaren Art gefiel mir und machte mich neugierig auf seine persönliche Geschichte. Schließlich erfüllte mir Uwe Voehl diesen Wunsch, indem er ein spannendes Exposé zu Georgs Kindheit schrieb. Und da gab es einige Pointen zu entdecken. Ein weiteres Bonmot kam noch hinzu. Der Roman spielte im Berlin der dreißiger Jahre. In einer Zeit, die noch das sterbende Flair der wilden Zwanziger atmet und doch schon von einer düsteren Zukunft überschattet ist.

Für mich als Berliner Göre war es natürlich Ehrensache, dass ich mein Bestes gab, um das Flair dieser goldenen Vergänglichkeit einzufangen. Danach ging es zu meiner großen Freude noch weiter mit Georg, und ich durfte exposégestützt einen persönlichen Begleiter für ihn aus der Taufe heben: den verrückten Dämon Peter Ravencross. Der war für mich immer ein Highlight. Denn ich genoss es nicht nur, dass ihm die ironischen Oneliner nur so von den Lippen gingen, er gab mir auch die Möglichkeit, Georgs Charakter im Gegenspiel zu Peters flamboyantem Auftreten zu zeigen. In diesen Romanen konnte ich auf der Basis der Voehlschen Exposés Georgs Persönlichkeit immer deutlicher herausarbeiten.

Dazu eignete sich auch sehr gut eine Episode, in der Georg und Coco ein gemeinsames Abenteuer im Harz erlebten. Obwohl beide wohl die überlegtesten, ruhigsten Mitglieder der Zamisfamilie darstellen, sind ihre Charaktere dennoch grundverschieden. Und wir Autoren konnten beleuchten, warum Georg so oft als Cocos Verbündeter auftritt, um sie dann doch wieder zu verraten.
Als halber Mensch war und ist er nicht ohne Gefühl: Aber im Gegensatz zu seiner Schwester hatte er sich früh für das Dämonendasein entschieden. Doch ähnlich wie Coco bewegt sich Georg auf seinen eigenen Reisen in einem Spannungsfeld zwischen Mitgefühl und Skrupellosigkeit, das dem Dilemma seiner Schwester ähnelt.

Nachdem Georgs Geschichte schließlich erzählt war, wanderte der Fokus weiter zu seinen anderen Geschwistern. Ich denke und hoffe, dass uns die Zamis-Familie auch in Zukunft viele vielschichtige und spannende Charaktere präsentieren wird.

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